
Sie nannten ihn »flachnasig« wegen Alis und Hassans mongolider Züge, die den Hazara eigen sind. Viele Jahre lang war dies das Einzige, was ich über die Hazara wuss te: dass sie mongolischer Abstammung sind und ein wenig wie Chinesen aussehen. In den Schulbüchern wurden sie nur beiläufig erwähnt, und über ihre Herkunft erfuhr man kaum etwas. Doch eines Tages, als ich in Babas Arbeitszimmer in seinen Büchern kramte, entdeckte ich ein altes Geschichtsbuch meiner Mutter. Es war von einem Iraner namens Khorami verfasst worden. Ich blies den Staub herunter, schmuggelte es am selben Abend mit ins Bett und stellte erstaunt fest, dass es darin ein ganzes Kapitel über die Geschichte der Hazara gab. Ein ganzes Kapitel, das Hassans Volk gewidmet war! Darin las ich, dass mein eigenes Volk, die Paschtunen, die Hazara verfolgt und unterdrückt hatte. Es hieß darin, dass die Hazara durch die Jahrhunderte immer wieder versucht hatten, sich zu befreien, doch die Paschtunen hatten all diese Versuche »mit unbeschreiblicher Gewalt niedergeschla gen«. In dem Buch hieß es, dass mein Volk die Hazara gefoltert, ihre Häuser angesteckt und ihre Frauen verkauft hatte. In dem Buch hieß es, dass die Paschtunen die Hazara auch deswegen niedergemetzelt hatten, weil die Paschtunen Sunniten und die Hazara Schiiten sind. In dem Buch stand vieles, was ich nicht wusste, Dinge, die meine Lehrer nie erwähnt hatten. Dinge, über die auch Baba niemals gesprochen hatte. Es standen auch einige Dinge darin, die ich wusste, so zum Beispiel, dass die Leute die Hazara als Mäuse fressende, flachnasige Esel bezeichneten, die nur zum Arbeiten taugten. Ich hatte schon gehört, wie manche Kinder im Viertel Hassan auf diese Weise beschimpften.
