Dessard eilte an die Reling und blickte an der Schiffswand hinunter. Unten hatte das Lotsenboot an der Ladeluke der Bretagne festgemacht, und zwei Matrosen luden Gepäck vom Liner in den Kreuzer um. Während Dessard das Geschehen verfolgte, stieg ein Passagier aus der Ladeluke des Schiffes auf das kleine Boot um. Dessard sah ihn nur ganz flüchtig von hinten, aber er war sicher, dass er sich bei der Identifizierung geirrt haben musste. Es war einfach unmöglich. In der Tat war der Vorgang, dass ein Passagier das Schiff auf diese Weise verließ, so außergewöhnlich, dass den Oberzahlmeister ein Gefühl der Bestürzung beschlich. Er drehte sich um und eilte zu Jill Temples Appartement. Auf sein Klopfen antwortete niemand. Er klopfte wieder, diesmal etwas lauter. »Madame Temple… Hier ist Claude Dessard, der Oberzahlmeister. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

Keine Antwort. Jetzt schlug Dessards inneres Warnsystem an. Sein Instinkt sagte ihm, dass etwas Entsetzliches bevorstand, und er hatte eine Vorahnung, dass es mit dieser Frau zusammenhing. Eine Folge wilder, abscheulicher Gedanken tanzte durch sein Gehirn. Sie war ermordet oder gekidnappt worden oder -. Er drehte am Türgriff. Die Tür war unverschlossen. Langsam stieß Dessard sie auf. Jill Temple stand am anderen

Ende der Kabine und blickte, den Rücken ihm zugekehrt, aus dem Bullauge. Dessard wollte etwas sagen, aber ihre wie gefroren wirkende, starre Haltung ließ ihn schweigen. Er stand einen Augenblick unbeholfen da, fragte sich, ob er sich still zurückziehen sollte, als die Kabine plötzlich von einem schauerlichen Klageschrei erfüllt wurde, der von einem schmerzgepeinigten Tier herzurühren schien. Hilflos angesichts einer solchen tiefen, geheimen Qual zog Dessard sich zurück und schloss behutsam die Tür hinter sich.



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