Wer die Dahlmanns sah, beneidete sie. Eine große, alte, über 300 Jahre bestehende Apotheke - die Mohren-Apotheke -, modernisiert und mit einem großen Labor in einem Anbau, ein Reichtum, der über alle Generationen vererbt wurde und Kriege und Krisen überdauert hatte, ein schönes, glückliches Leben an der Grenze von Jugend und Reife ... kurzum zwei Menschen, von denen man sagte, daß sie füreinander geschaffen waren und die beneidet werden durften.

Luise Dahlmann hatte an diesem Abend den 269. Versuch begonnen, den letzten, wie sie sagte. Bisher hatte das Labor der Moh-ren-Apotheke schon zwei große Verkaufserfolge herausgebracht ... das Schmerzmittel Dahlomed und das Schlafmittel Dahlosan ... ein Abführmittel mit dem Namen Dahlaxan war gerade neu vorgestellt worden und schien ebenfalls ein Schlager zu werden. Es wäre auch bei diesen pharmazeutischen Präparaten geblieben, wenn Ernst Dahlmann nicht eines Tages wütend in die Wohnung gekommen wäre und gerufen hätte: »Es macht bald keine Freude mehr ... der schöne Rasen, die Rosen, die Stauden um das Beet ... alles von Wühlmäusen untergraben und zerfressen! Und dieses Pulver, das ich da in die Gänge geschüttet habe ... das scheint ein Hormonpräparat für Mäuse zu sein ... sie sind doppelt aktiv geworden!«

»Gut! Machen wir es selbst!« hatte Luise gesagt. »Mit einem Mittel gegen Wühlmäuse kann man auch viel Geld verdienen -«

Ein halbes Jahr hatten sie experimentiert, hatten andere Präparate analysiert, hatten Fachliteratur studiert, hatten Kladden mit Berechnungen und chemischen Formeln gefüllt, bis sie in ihrer langen Versuchsreihe die Zahl 269 erreichten.

»Die Mäuse leben weiter!« Das war seit Monaten die sarkastische Bemerkung Ernst Dahlmanns. »Vom Versuchspräparat Nr. 174 scheinen sie potenter geworden zu sein ... sie vermehren sich wie die Flöhe -«



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