
An diesem Abend war man sich einig geworden: Noch diese Destillation - und dann ist Schluß!
»Geh nicht zu nahe an den Kolben, Luiserl -«, hatte Dahlmann gesagt. Manchmal beliebte er wienerisch zu sprechen. »Mein Großvater war k.u.k. Offizier -« Das war der Beginn einer Geschichte, die er gern in der Gesellschaft erzählte und die immer damit endete, daß er feststellte: »Schaun's mich an, meine Damen ... das Fesche hab ich von meinem seligen Großpapa -«
Auch das kannte Luise seit Jahren, sie lächelte darüber und beobachtete mit etwas Wehmut, wie die Blicke der Damen glänzend und manchmal schmachtend auf Ernst Dahlmann ruhten. Seine schwarzmelierten Haare glänzten unter den Lampen, sein weißes Hemd leuchtete, der einfarbige Schlips darauf paßte genau zur Farbe des Anzuges und setzte sich fort im Ziertuch und in der Farbe der Socken. Elegant und sich seiner Wirkung bewußt, saß er lässig im Sessel, drehte spielerisch seinen Trauring am Finger, plauderte, lachte, machte Komplimente und spielte den bewußten Gentleman mit einem Hauch von Traurigkeit und Weltschmerz, der jedes Frauenherz erobert.
An eine solche Situation mußte sie denken, als sie seine Warnung hörte und das Wort Luiserl. Sie lachte vor sich hin, bog den Kopf zurück, blickte um einen gläsernen Aufbau herum und schüttelte den Kopf.
»Der Säuredampf hat ja gar keinen Druck -«, sagte sie. »Und in der Schlange wird er ja sofort abgekühlt. Komm, schütt mir auch ein Glas ein und bring es mir. Wenn's auch diesmal schiefgeht, brauch ich einen Kognak-«
In diesem Augenblick - als sie den Kopf wieder nach vorne nahm und auf den Glaskolben blickte - geschah die Explosion.
Der Kolben zersprang einfach, ohne ersichtlichen Grund. Der heiße, gelbliche Dampf zischte gegen die Decke und umhüllte in Sekundenschnelle den Kopf Luise Dahlmanns. Gleichzeitig mit dem Dampf spritzte die kochende Säuremischung aus dem Kolben, halb flüssig, halb schon verdampft, ein heißer Regen aus einem schwefeligen Nebel.
