
Ein Jahr später, mit der Zähigkeit eines unglücklich Liebenden und dem Charme eines Mannes, der weiß, wie er auf Frauen wirkt, heiratete er nicht Monika Horten, sondern ihre Schwester Luise, die Apothekerin ... die >Dame< der Familie, wie der alte Horten einmal sagte. Monika nannte er das >Biest<, nicht schimpfend, sondern fast resignierend. Es wurde eine gute, aber ruhige Ehe. Was Ernst Dahlmann gehofft hatte, über den Umweg Luise an Monika heranzukommen, scheiterte nach dem Examen der Graphikerin ... sie zog nach Hamburg und wurde Zeichnerin einer großen Werbeagentur.
Ernst Dahlmann warf den Rest der Zigarette in den kleinen Hof und wandte sich zu Luise um. Sie lag auf dem Rücken, das zerstörte Gesicht im Morphiumrausch gelöst, entspannt und deshalb noch grauenhafter in seiner Auflösung.
Jetzt werde ich Monika kommen lassen, dachte er. Einen Rest von Scham fegte er weg, indem er sich wieder abwandte und hinaus in die Nacht sah. Welche Entwicklung, dachte er wieder. Vor einem Jahr starb der alte Horten, Luise erbte die Apotheke, und das erste, was sie tat, war, ihm das Schlüsselbund ihres Vaters zu übergeben mit den Worten: »Nimm es ... du bist der Mann! Alles in unserem Leben soll gemeinsam sein.« So wurde er äußerlich der alleinige Herr der Mohren-Apotheke, aber nur äußerlich. Ein Rest blieb, der ihn Tag um Tag beleidigte und seinen unbändigen Stolz trat: das Gefühl der Abhängigkeit ... das Wissen, etwas zu sein aus der Gnade und der schenkenden Geste seiner Frau.
Nun war Luises Gesicht zerstört ... und er ahnte, daß auch die Augen erblindet waren. Im Bruchteil einer Sekunde war aus einem lebensfrohen, sorglosen dreißigjährigen Menschen ein Wrack geworden, eine blinde, hilflose Kreatur, der für immer die Sonne gestorben war, der Himmel mit den ziehenden Wolken, die blühende Frühlingswiese, der Anblick eines Gemäldes, der Blick über die bewegte Weite des Meeres oder das Wiegen reifen, goldgelben Kornes im Sommerwind. Ein Mensch in ewiger Nacht, nur hörend und tastend, eine neue Welt, zusammengeschrumpft zur Griffweite der Arme.
