Nach dem ersten Schreck überkam ihn jetzt eine unheimliche Ruhe, ja fast eine Gelassenheit. Er erhob sich vom Sofa, trat ans Fenster, zündete sich eine Zigarette an und starrte hinaus in die Nacht. Ein kleiner Hinterhof lag vor ihm, Mülltonnen im Mondlicht, eine Tep-pichstange, ein Wäschetrockner, ein Kinderdreirad . Romantik der Großstadt.

So plötzlich, dachte er. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich hatte mich auf einen langen Weg vorbereitet, und nun kommt mir das Schicksal mit offenen Armen entgegen.

Er öffnete das Fenster und atmete tief die feuchtkühle Frühlingsluft. Fünf Jahre zurück . ein Faschingsball der Apotheker, etwas Außergewöhnliches in Hannover, das durchaus nicht zu den Karnevalshochburgen Deutschlands gehört. Aber die Berufsstände veranstalten ihre internen Bälle, und man ist fröhlich unter sich. Er stand im Kostüm eines Mexikaners an der Säule, der die Empore stützte, als ein Mädchen vorbeiging . schlank, hochbeinig, mit langen blonden Haaren. Ihr enger Matrosenpullover verwirrte ihn einen Augenblick, dann zog es ihn weg wie mit hundert Magneten. Er folgte ihr, sprach sie an und tanzte mit ihr.

Dabei erfuhr er, daß sie Monika Horten hieß, Tochter des Apothekers Horten der berühmten Mohren-Apotheke war und noch eine Schwester habe, die ebenfalls Apothekerin sei. Sie selbst studierte Modezeichnen und Gebrauchsgraphik.

An diesem Abend kam sich Ernst Dahlmann klein und häßlich vor. Er wurde dem großen Apotheker Horten vorgestellt, und er merkte, auch wenn es der alte Horten geschickt überspielte, daß er eine Null in seinen Augen war. Ein Provisor! Ein Kollege zwar, aber ein kleiner, weißer Kittel, der hinter der Theke stand und »Guten Tag, gnädige Frau«, »Bitte schön - 3,75 DM, gnädige Frau« und »Ich danke schön, gnädige Frau« sagte und im übrigen nicht einmal den Schlüssel zum Giftschrank besaß, denn den verwahrte der erste Provisor in der Tasche seines Kittels.



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