
Alte Erinnerungen wurden wach, als die Tempest vor zwei Monaten in Madras geankert hatte. Während seine Bootsmannschaft sich verzweifelt bemühte, ihren Kommandanten durch die wilde Brandung zu rudern, ohne daß er bis auf die Haut durchnäßt wurde, hatte er sich an seinen ersten Besuch erinnert. Damals hatte er Viola Raymond, die Frau des Beraters der Britischen Regierung bei der Hast India Company, als Passagier an Bord gehabt.
Bei seinem kurzen Aufenthalt in England war er auch nach London gefahren. Zwar hatte er sich gesagt, er wolle nicht wirklich versuchen, sie wiederzusehen, wolle nur an ihrem Haus vorbeigehen und sehen, wo sie lebte. Doch er hatte genau gewußt, daß das Selbstbetrug war. Dabei hätte er sich ebensogut mit der Erinnerung begnügen können. Denn das Haus war, von der Dienerschaft abgesehen, leer. James Raymond und seine Frau weilten im Auftrag der Regierung im Ausland, wie ihm Raymonds Hauswart, abweisend bis zur Beleidigung, verkündete. An Bord mochte ein Kommandant zwar gleich nach Gott kommen, doch in den Straßen von St. James hatte er gar keine Bedeutung. Bolitho hörte Herrick rufen:»Klar zum Ankern, Mr. Jury?«Jury, der Bootsmann mit der breiten Brust, brauchte keinen Hinweis auf seine Pflichten bei den Ankergasten; folglich mußte Herrick Bolithos Stimmung erraten haben und versuchte nun, ihn herauszureißen.
Bolitho lächelte wehmütig. Herrick kannte er schon, seit er das Kommando der Phalarope übernommen hatte, und seither waren sie selten getrennt gewesen. Herrick hatte sich nicht sehr verändert. Vielleicht war er nun etwas breiter, aber das runde, offene Gesicht mit diesen leuchtend blauen Augen, die so vieles mit ihm gemeinsam gesehen hatten, war sich gleichgeblieben. Wenn, wie Bolitho jetzt vermutete, seine kurze Affäre mit Viola Raymond höheren Orts aufgefallen war, dann mußte auch Herrick darunter leiden, und das ohne jeden Grund.
