
Nerissa war so eine Art Kreuzung zwischen Tante, Patin und Vormund, was ich eigentlich alles nie besessen hatte. Ich hatte eine Stiefmutter gehabt, die einzig ihre beiden eigenen Kinder liebte, und einen sehr beschäftigten Vater, den sie mit ihrem Gekeife zur Verzweiflung brachte. Nerissa, oft zu Besuch in dem von meinem Vater beaufsichtigten Stall, wo drei Pferde von ihr standen, hatte mir zuerst Süßigkeiten geschenkt, dann Pfundnoten, dann Ermutigung und schließlich mit den Jahren ihre Freundschaft. Es war nie eine enge Beziehung gewesen, aber eine bleibende Wärme im Hintergrund.
Sie erwartete uns im Sommerzimmer ihres Hauses in den Cotswolds, mit Kristallgläsern und einer Karaffe trockenen Sherrys auf einem Silbertablett, und sie kam uns entgegen, als sie hörte, wie ihr Butler uns durch die Diele führte.
«Kommt rein, ihr Lieben, kommt rein«, sagte sie.»Es ist schön, euch zu sehen. Charlotte, ich mag dich sehr in Gelb… und Edward, du bist ja so dünn geworden.«
Sie stand mit dem Rücken zum Licht, das hell durchs Fenster flutete, das Fenster mit der besten Aussicht in Gloucestershire, und erst, als wir sie auf die dargebotene Wange küßten, bemerkten wir beide die erschreckende Veränderung an ihr.
Als ich sie zuletzt gesehen hatte, war sie eine attraktive Frau in den Fünfzigern gewesen, mit jungen blauen Augen und einer scheinbar unverwüstlichen Vitalität. Ihr Gang war fast ein Tanzen, und in ihrer Stimme lag ein gesunder Humor. Im Zuchtregister der Gesellschaft rangierte sie schon beinahe bei den adligen Vollblütern, und sie besaß das, was mein Vater kurz und bündig» Klasse «nannte.
Aber jetzt, innerhalb von drei Monaten, war ihre Energie verschwunden, und ihr Blick war trüb geworden. Der Glanz in ihren Haaren, ihr federnder Gang, ihre lachende Stimme: alles war dahin. Sie wirkte eher wie siebzig als wie fünfzig, und ihre Hände zitterten.
«Nerissa«, rief Charlie bestürzt aus, denn wie ich brachte auch sie ihr weit mehr als nur Sympathie entgegen.
