Ich gab mir selbst eine Leidensfrist bis 21 Uhr. Sollte sich Marlene bis dahin nicht gemeldet haben, war Paris und somit unsere wohl letzte Chance gestorben. Es war 20:57. Und plötzlich: ein Klingeln, ein Briefchen (ein Stromstoß, ein Herzinfarkt), eine Nachricht. Ich schließe für ein paar Sekunden die Augen, ich sammle alle armseligen Restbestände meines positiven Denkens, ich konzentriere mich auf die ersehnte Meldung, auf Marlenes Zusage, auf Paris zu zweit, auf ein Leben für immer mit ihr. Ich reiße die Augen auf, ich öffne die Mitteilung. Und ich lese, ich lese, ich lese: »Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünscht Emmi Rothner.« So viel zu meinem »ausgewachsenen Massenmail- Weihnachtsgruß-Psycho«. Schönen Abend, Leo.


Zwei Stunden später

RE:

Lieber Leo, das ist eine besonders gute Geschichte. Vor allem die Pointe hat mich begeistert. Ich bin beinahe stolz, dass ich da so schicksalhaft hineinspiele. Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie mir, Ihrer »virtuellen Fantasiegestalt«, Ihrem »illusionistischen Phantombild«, gerade Außergewöhnliches von sich verraten haben. Das war jetzt so richtig »Privatleben Marke Leo, Sprachpsychologe«. Ich bin heute schon zu müde, etwas Brauchbares dazu zu sagen. Aber morgen kriegen Sie von mir eine anständige Analyse, wenn Sie erlauben. So mit 1.) 2.) 3.) und so weiter. Schlafen Sie gut, und träumen Sie sinnvoll. Also nicht von Marlene, würde ich Ihnen empfehlen. Emmi.


Am nächsten Tag

Betreff: Marlene

Guten Morgen, Leo. Darf ich Sie ein bisschen härter anfassen?

1.) Sie sind also so ein Mann, der sich für eine Frau nur am Anfang und am Ende interessieren kann: wenn er sie kriegen will und knapp bevor sie ihm endgültig abhanden kommt. Die Zeit dazwischen - auch Zusammensein genannt - ist Ihnen zu langweilig oder zu anstrengend, oder beides. Stimmt's?

2.) Sie sind zwar (diesmal) wie durch ein Wunder unverheiratet geblieben, aber um einen spanischen Piloten aus dem Bett Ihrer So-gut-wie-Ex zu bekommen, würden Sie schon einmal locker vor den Traualtar treten. Das zeugt von eher geringer Hochachtung gegenüber dem Ehegelübde. Stimmt's?



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