
«Sagst du wirklich die Wahrheit, Großmama? Wirklich und ehrlich die Wahrheit?»
«Mein Schätzelchen», sagte sie. «Du wirst nicht lang auf dieser Erde leben, wenn du nicht weißt, wie man auf den ersten Blick eine Hexe erkennt.»
«Aber du hast mir doch erzählt, dass Hexen wie normale Frauen aussehen, Großmama. Wie kann ich sie dann erkennen?»
«Hör mir genau zu», sagte meine Großmutter. «Du darfst nichts von dem vergessen, was ich dir erzähle. Und danach kannst du nur den Daumen halten und zum Himmel beten und auf das Beste hoffen.»
Wir saßen in dem großen Wohnzimmer in ihrem Haus in Oslo, und ich war schon fertig zum Schlafengehen. Die Vorhänge wurden in diesem Haus niemals zugezogen, so konnte ich durch die Fenster sehen, wie draußen dicke Schneeflocken langsam zu Boden sanken, der kohlrabenschwarz war. Meine Großmutter war ungeheuer alt und runzlig, kräftig und dick und ganz und gar in graue Spitze gehüllt. Sie thronte wie eine Königin in ihrem Sessel und füllte ihn bis zur letzten Ritze aus. Nicht einmal eine Maus hätte sich noch neben sie quetschen können. Ich hockte, sieben Jahre alt, zu ihren Füßen auf dem Teppich. Ich hatte meinen Pyjama an, Bademantel und Hausschuhe.
«Und schwörst du, dass du mich nicht auf den Arm nimmst?», fragte ich immer wieder. «Schwörst du, dass du mir nichts vormachst?»
«Hör zu», antwortete sie. «Ich kenne mindestens fünf Kinder, die einfach vom Erdboden verschwunden sind. Nie wieder aufgetaucht. Das haben die Hexen getan.»
