
«Hast du das Gemälde selber gesehen, Großmama, mit dem kleinen Mädchen drauf?»

«Viele, viele Male», erwiderte meine Großmutter. «Und das Merkwürdigste war, dass die kleine Solveg ihre Stellung auf dem Bilde immer wieder wechselte. Eines Tages war sie zum Beispiel im Bauernhaus drin, und man konnte ihr Gesicht erkennen, hinter dem Fenster. Und an einem anderen Tag stand sie ganz weit links und hatte eine Ente im Arm.»
«Hast du gesehen, wie sie sich auf dem Bild bewegt hat, Großmama?»
«Das ist niemandem gelungen. Ob sie nun draußen die Enten gefüttert hat oder drinnen aus dem Fenster geschaut hat, sie war steif und still, einfach eine in Öl gemalte Figur. Das war schon sehr merkwürdig», sagte meine Großmutter, «wirklich sehr merkwürdig. Und noch merkwürdiger war: So wie die Jahre vergingen, so wurde sie auf diesem Bilde auch immer älter. Nach zehn Jahren war eine junge Frau aus dem kleinen Mädchen geworden. Nach dreißig Jahren begann sie ältlich zu werden. Und dann plötzlich, 54 Jahre nachdem das alles geschehen war, war sie vollkommen aus dem Bilde verschwunden.»
