«Diese Familie hieß Christiansen. Sie lebten oben in Holmenkollen, und in ihrem Wohnzimmer hing ein altes Ölgemälde, auf das sie sehr stolz waren. Es stellte ein paar Enten dar, vor einem Bauernhaus. Keine Leute, nur diese Enten auf einer Wiese und im Hintergrund das Bauernhaus. Es war ein ziemlich großes Gemälde und wirklich sehr schön. Nun gut, eines Tages kam ihre Tochter Solveg aus der Schule und aß einen Apfel. Sie sagte, eine nette Frau hätte ihn ihr auf der Straße geschenkt. Am nächsten Morgen lag die kleine Solveg nicht in ihrem Bett. Die Eltern suchten überall, aber sie konnten sie nicht finden. Dann schrie ihr Vater plötzlich: <Da ist sie ja! Das ist Solveg, sie füttert die Enten!> Er deutete auf das Ölgemälde, und wahrhaftig, da war Solveg geblieben. Sie stand mitten auf der Wiese und war dabei, die Enten mit altem Brot zu füttern, das sie in einem Korb trug. Der Vater stürzte zu dem Gemälde und berührte sie. Das nützte aber gar nichts. Sie war einfach ein Teil des Gemäldes geworden, ein Bild, auf Leinwand gemalt.»

«Hast du das Gemälde selber gesehen, Großmama, mit dem kleinen Mädchen drauf?»

«Viele, viele Male», erwiderte meine Großmutter. «Und das Merkwürdigste war, dass die kleine Solveg ihre Stellung auf dem Bilde immer wieder wechselte. Eines Tages war sie zum Beispiel im Bauernhaus drin, und man konnte ihr Gesicht erkennen, hinter dem Fenster. Und an einem anderen Tag stand sie ganz weit links und hatte eine Ente im Arm.»

«Hast du gesehen, wie sie sich auf dem Bild bewegt hat, Großmama?»

«Das ist niemandem gelungen. Ob sie nun draußen die Enten gefüttert hat oder drinnen aus dem Fenster geschaut hat, sie war steif und still, einfach eine in Öl gemalte Figur. Das war schon sehr merkwürdig», sagte meine Großmutter, «wirklich sehr merkwürdig. Und noch merkwürdiger war: So wie die Jahre vergingen, so wurde sie auf diesem Bilde auch immer älter. Nach zehn Jahren war eine junge Frau aus dem kleinen Mädchen geworden. Nach dreißig Jahren begann sie ältlich zu werden. Und dann plötzlich, 54 Jahre nachdem das alles geschehen war, war sie vollkommen aus dem Bilde verschwunden.»



8 из 132