
Lois McMaster Bujold
Im Schatten des Wolfes
Kapitel Eins
Der Prinz war tot.
Der König aber lebte noch, und so zeigte sich in den Gesichtern der Männer oberhalb des Burgtors keine unziemliche Freude, lediglich verstohlene Erleichterung, befand Ingrey. Und auch die verschwand, als die Wachen beobachteten, wie Ingreys Trupp mit lautem Hufklappern durch den Torbogen auf den engen Hof geritten kam. Die Wachen erkannten Ingrey und wussten auch, wer ihn geschickt hatte.
Im Dunst dieses trüben Herbstmorgens hing der Schweiß klamm und klebrig unter Ingreys Lederwams. Das Kopfsteinpflaster im Burghof und die kalkweißen Mauern, die ihn umschlossen, schienen die Kälte förmlich einzufangen. Der leicht bewaffnete Kurier hatte nur zwei Tage gebraucht, um die Neuigkeiten von Burg Keilerkopf, dem Jagdsitz des Prinzen, bis zur Halle des Geheiligten Königs in Ostheim zu tragen. Ingrey und seine Leute waren ungleich schwerer gerüstet; trotzdem hatten sie denselben Weg in Gegenrichtung in fast derselben Zeit geschafft. Ein Stallknecht eilte herbei und nahm die Zügel, und Ingrey schwang sich aus dem Sattel. Als er die Schwertscheide zurechtrückte, ließ er seine Finger einen kurzen, beruhigenden Augenblick lang auf dem kühlen Schwertgriff ruhen.
Ritter Ulkra, der Haushofmeister des verstorbenen Prinzen Boleso, trat um den Bergfried herum, von wo aus er offenbar Ingreys Trupp beim Heranreiten beobachtet hatte. Er war ein stämmiger Mann und für gewöhnlich unerschütterlich; heute jedoch wirkte er atemlos vor Sorge und Hast. Ulkra verbeugte sich. »Willkommen, Lord Ingrey. Darf ich Euch einen Trunk bringen lassen oder Speise?«
»Nicht für mich. Aber kümmert Euch um meine Männer.« Er wies auf das halbe Dutzend Berittene, das ihm folgte. Der Truppführer, Ritter Gesca, nickte ihm dankbar zu, und Ulkra überließ die Männer und Pferde der Obhut der Dienstboten.
