
Welcher Anfang?, hatte Lady Ijada gestern gefragt. Als gäbe es davon ein Dutzend, unter denen man nach Belieben auswählen konnte.
»Was haltet Ihr von Graf Rossfluten?«, fragte Ingrey so beiläufig wie möglich. Der Graf hatte Grundbesitz, entstammte einer alten Familie, doch seine bemerkenswerteste Macht war im Augenblick zweifellos seine Stellung als weltlicher Kurfürst: Seine Stimme war eine von dreizehn, die über den nächsten Geheiligten König entscheiden würden. Obwohl solche politischen Überlegungen bestimmt über den Horizont dieser jungen Frau hinausgingen, wie klug sie auch sein mochte.
Jetzt schürzte sie die Lippen und runzelte nachdenklich die Stirn. Sie sah weder erschrocken noch auf irgendeine Weise verlegen aus. »Ich bin mir nicht sicher, was ich von ihm halten soll. Er ist ein seltsamer … Mann. Ich hätte fast ›junger Mann‹ gesagt, aber er kommt mir ehrlich gesagt gar nicht jung vor. Ich denke, es liegt zum Teil an seinen zu früh ergrauten Haaren. Er ist sehr intelligent, manchmal schon unangenehm scharfsinnig. Und launisch. Manchmal läuft er tagelang schweigend umher, als wäre er vollkommen in seine eigene Welt versunken. Dann wagt niemand, ihn anzusprechen, nicht einmal die Prinzessin.
Zuerst dachte ich, es läge an seinen kleinen, wisst Ihr, Missbildungen, dem Rückgrat und dem seltsam geformten Gesicht. Doch er scheint sich wegen seines Körpers keinerlei Gedanken zu machen. Auf keinen Fall wird er davon behindert.« Sie schaute mit verspäteter Vorsicht zu Ingrey hinüber. »Kennt Ihr ihn gut?«
»Nicht, seit wir erwachsen sind«, erwiderte Ingrey. »Ich bin eng mit ihm verwandt, über seine verstorbene Mutter. Als wir beide noch Kinder waren, bin ich ihm einige Male begegnet.« Ingrey erinnerte sich an den jungen Lord Wenzel von Rossfluten: ein schmächtiger, ungeschickter Junge mit ewig feuchtem Mund, der nicht allzu klug wirkte.
