
Bei seinen sauertöpfischen Worten legte sie den Kopf schief. »Dieser Landstrich gefällt Euch nicht? Dann würdet Ihr meine Erbgüter gewiss für ein Ödland halten. Sie liegen westlich von hier, in den Marschlanden, wo die Berge flacher werden.« Sie hielt kurz inne und fuhr dann fort:
»Mein Stiefvater teilt allerdings Eure Ansichten, was solche einsamen Gegenden angeht. Doch er ist als Stadtmensch geboren und Bauleiter des Tempels in Dachsbrücken. Er sieht Bäume am liebsten in Form von Dachsparren oder zu Toren und Gerüsten verarbeitet. Er meint, ich solle lieber mein Gesicht zur Aussteuer machen als die verwunschenen Wälder meiner Erbgüter.« Plötzlich verzog sie das Gesicht, und das Leuchten in ihren Augen erlosch. »Er hat sich so für mich gefreut, als eine meiner Tanten aus der Dachswall-Sippe mir eine Stelle im angesehenen Haushalt der Rossflutens verschafft hat. Und jetzt das.«
»Glaubte er, Ihr könntet Euch unter dem Schutz der Prinzessin einen Ehemann angeln?«
»So etwas in der Art, ja. Es sollte eine einzigartige Gelegenheit für mich sein.« Sie zuckte die Achseln. »Seither habe ich gelernt, dass die hohen Herrschaften sich eher noch mehr für die Mitgift interessieren als andere Männer. Ich hätte damit rechnen …« Sie presste die Lippen zusammen. »Ich hätte mit einem überheblichen Verführer gerechnet. Aber diese ketzerische Zauberei und der heulende Wahnsinn haben mich überrumpelt.«
Zum ersten Mal fragte sich Ingrey, ob Ijada vielleicht tatsächlich den Blick eines Ehemannes auf sich gezogen hatte — den des Grafen von Rossfluten. Dieser war bereits seit vier Jahren mit der Tochter des Geheiligten Königs verheiratet, und es gab bisher keine Kinder. Steckte hinter dieser Kinderlosigkeit vielleicht mehr als bloßes Unglück?
Auf alle Fälle wäre es ein guter Grund für die Prinzessin gewesen, ihre Zofe bei erster Gelegenheit loszuwerden. Und wenn sie eifersüchtig genug auf die liebreizende Rivalin gewesen war, hatte es Prinzessin Fara vielleicht auch nichts ausgemacht, Ijada einem unangenehmen Schicksal zu überlassen. Hatte Fara gewusst, was ihr Bruder vorhatte? Abgesehen von der offensichtlichen Vergewaltigung?
