
»Selbstverständlich.«
Aus der Reaktion des Haushofmeisters konnte Ingrey nur das Offensichtliche herauslesen, nämlich dass Ulkra froh war, die Verantwortung für diese Angelegenheit an einen anderen abzutreten. Mit Unbehagen schlug der Haushofmeister das fahle Tuch zurück, das den Körper seines toten Herrn bedeckte.
Prinz Boleso von Hirschendorn war das jüngste lebende Kind des Geheiligten Königs — der jüngste Sohn des Geheiligten Königs, verbesserte Ingrey sich sogleich in Gedanken. Boleso war immer noch ein junger Bursche, obwohl er schon vor einigen Jahren das volle Mannesalter erreicht hatte — groß, muskulös, mit dem vorspringenden Kinn seiner Familie und einem kurzen, braunen Vollbart. Das dunkelbraune Haar war wirr und blutverklebt. Seine mitreißende Tatkraft war nun erloschen, und ohne sie fehlte dem Gesicht die frühere Anziehungskraft. Ingrey fragte sich, wie er es jemals gut aussehend hatte finden können.
Er trat vor, umfasste den Schädel mit beiden Händen und untersuchte die Wunde. Wunden. Der zerschmetterte Knochen unter den Haaren gab beidseitig unter dem Druck seiner Daumen nach. Zwei tiefe Risse in der Kopfhaut darüber waren schwarz vor geronnenem Blut.
»Welche Waffe hat diese Wunden geschlagen?«
»Der Kriegshammer des Prinzen. Er hing an dem Gestell mit der Rüstung des Prinzen in seinem Schlafgemach.«
»Wie … unerwartet. Auch für ihn.« Düster sann Ingrey über das Schicksal des Prinzen nach. Wie er von Hetwar wusste, war Boleso während seines kurzen Lebens abwechselnd von Eltern und Dienern verhätschelt und vernachlässigt worden. Die angeborene Überheblichkeit seines Standes mischte sich mit einer gefährlichen Gier nach Ehre, Ruhm und Anerkennung. Der Hochmut — oder vielleicht verzweifelter Ehrgeiz? — war zuletzt maßlos gewachsen und gefährlich aus dem Gleichgewicht geraten. Und was aus dem Gleichgewicht kommt, das stürzt.
