»Wie lange ist das her?«

»Ein paar Wochen. Kurz bevor seine Schwester hier eintraf.«

Ingrey drehte die dicke, rote Schnur zwischen den Fingern und runzelte die Stirn. »Und wie ist das hier passiert?«

»Es hing von einem Balken im Schlafgemach des Prinzen. Wir fanden es, als wir … äh, eintraten.«

Ingrey hockte sich auf die Fersen. Allmählich verstand er, warum kein Geistlicher aus dem Tempel hinzugezogen worden war, der sich um die Bestattungsriten kümmern sollte. Die Farbspuren, die rote Kordel, der Eichenbalken, ein Tier, das nicht einfach getötet, sondern geopfert worden war … das alles wies darauf hin, dass sich hier jemand oberflächlich mit den alten Ketzereien befasst hatte, mit der verbotenen Waldmagie. Hatte der Siegelbewahrer davon gewusst, als er Ingrey ausgesandt hatte? Wenn dem so war, hatte er es mit keinem Anzeichen verraten. »Wer hat das Tier aufgehängt?«

Mit der Erleichterung eines Mannes, der eine Wahrheit aussprach, die ihm nicht schaden konnte, erklärte Ulkra: »Ich habe es nicht gesehen und weiß es deshalb nicht. Als wir das Mädchen hineinbrachten, lebte das Tier noch und lag friedlich angebunden in der Ecke. Keiner von uns hat danach noch etwas gesehen oder gehört. Bis die Schreie erklangen.«

»Welche Schreie?«

»Nun … die des Mädchens.«

»Was hat sie geschrien? Oder waren es …« Ingrey verstummte, bevor er nur Schreie sagte. Er hatte den Verdacht, Ulkra hätte diese Andeutung allzu bereitwillig aufgegriffen. »Was hat sie gerufen?«

»Sie rief um Hilfe.«

Ingreys lange Ledergamaschen knarrten, als er sich von dem exotisch gefleckten Tierleib abwandte und aufstand. Sein Blick nagelte Ulkra fest. »Und was habt Ihr darauf unternommen?«

Ulkra drehte den Kopf zur Seite. »Unsere Befehle lauteten, dafür zu sorgen, dass der Prinz ungestört blieb, Herr.«



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