
»Wer hörte die Hilferufe? Ihr und …?«
»Zwei der Wachen, die auf seine Befehle warten sollten.«
»Drei kräftige Männer also, die durch Eid dem Schutz des Prinzen verpflichtet waren. Und sie standen — wo?«
Ulkras Gesicht war starr wie in Stein gemeißelt. »Im Flur. Neben seiner Tür.«
»Sie standen im Gang, keine fünf Schritte vom Mord entfernt, und taten nichts?«
»Wir haben es nicht gewagt, Herr. Denn er hat nicht gerufen. Und dann verstummten die Schreie auch schon. Wir dachten, das Mädchen hätte sich in sein … äh, Schicksal gefügt. Immerhin ging sie freiwillig hinein.«
Freiwillig? Oder verzweifelt? »Sie war keine Dienstmagd. Sie gehörte zum Gefolge von Prinz Bolesos Schwester, ein Mädchen gehobenen Standes, das immerhin von der Familie Dachswall empfohlen und dem Schutz ihres Hauses anvertraut war.«
»Prinzessin Fara persönlich hat sie ihrem Bruder überlassen, als er um das Mädchen bat, Herr.«
Gezwungenermaßen, besagte der Klatsch, den Ingrey gehört hatte. »Wodurch sie zu einer Angehörigen dieses Haushaltes wurde. Oder nicht?«
Ulkra zuckte zurück.
»Sogar ein einfacher Dienstbote verdient eine bessere Behandlung durch seine Herrschaft.«
»Jeder angetrunkene Herr kann einen Diener schlagen und sich bei der Wucht des Hiebes verschätzen«, behauptete Ulkra standhaft. Der Tonfall klang für Ingrey einstudiert. Wie oft während der letzten sechs Monate hatte Ulkra in der Stille der Nacht versucht, sich selbst mit dieser Entschuldigung zu überzeugen?
Der hässliche Mord an einem Dienstboten war der Grund dafür, dass Prinz Boleso ins Exil auf dieses entlegene Felsennest geschickt worden war. Die bekannte Jagdleidenschaft des Prinzen machte diese Verbannung als Strafe zweifelhaft; aber zumindest sorgte sie dafür, dass die Kirche dem königlichen Siegelbewahrer Hetwar nicht länger im Nacken saß. Für ein Verbrechen war es eine zu geringe Sühne, aber eine deutlich zu strenge Maßnahme für einen bloßen Unfall. Ingrey hatte in Lord Hetwars Auftrag am Morgen nach der Tat dieses Schlachthaus untersucht, bevor der Raum gesäubert worden war. Seiner Ansicht nach war weder »Mord« noch »Unfall« die angemessene Bezeichnung für die Tat.
