
»Aber nicht jeder Herr würde sich dann an dem Opfer vergreifen und es häuten und in Stücke schneiden, Ulkra. Hinter dieser Untat steckte mehr als Trunkenheit. Es war Wahnsinn, und wir alle wussten es.« Nach dieser nächtlichen Raserei hatten der König und sein Hofstaat sich in ihrem Urteil beeinflussen lassen, nicht zum Wohle des Prinzen, sondern aus Treue zum königlichen Hause und aus Sorge um dessen Ansehen. Und dieses Unheil war nun die Folge davon.
Man hatte Boleso in einem weiteren halben Jahr zurück bei Hofe erwartet — gebührend geläutert. Doch Prinzessin Fara hatte die Reise von den Landgütern ihres kurgräflichen Ehemannes ans Krankenlager ihres Vaters unterbrochen, und wie Ingrey vermutete, hatte der gelangweilte Boleso ein Auge auf ihr hübsches Kammerfräulein geworfen. Die schlechten Neuigkeiten erreichten unmittelbar nach der Prinzessin die königliche Halle in Ostheim, und in Faras Gefolge kursierten die unterschiedlichsten Versionen der Geschichte: Entweder hatte das verfluchte Mädchen seine Tugend aus Angst vor der aufdringlichen Wollust des Prinzen aufgegeben oder aus Berechnung dem eigenen Ehrgeiz geopfert. Man konnte sich aussuchen, welchem Gerücht man glauben wollte.
Wenn es Berechnung gewesen war, so war sie auf furchtbare Weise fehlgeschlagen. Ingrey seufzte. »Zeigt mir das Schlafgemach des Prinzen.«
Das Gemach des verstorbenen Prinzen lag hoch oben im Bergfried. Der kurze Flur davor war düster. Ingrey stellte sich Bolesos Leute vor, wie sie sich am äußersten Ende des Ganges im flackernden Kerzenschein zusammendrängten und darauf warteten, dass die Schreie verstummten. Er biss die Zähne zusammen. Die massive Zimmertür besaß auf der Innenseite einen hölzernen Riegel sowie ein Eisenschloss.
