
«Das Meer! Ich kann das Meer sehen! Und das schwarze Gebäude dort drüben am Horizont - das muß Streoneshalh sein.»
Schwester Fidelma brachte ihr Pferd zum Stehen und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne.
«Was meint Ihr, Bruder Taran? Ihr kennt Euch in diesem Teil des Landes am besten aus.»
Erleichterung stand Taran ins Gesicht geschrieben.
«Schwester Gwid hat recht. Das ist die Abtei der Gesegneten Hilda, der Base König Oswius -Streoneshalh, das Ziel unserer Reise.»
II
DER AUFSCHREI EINER RAUHEN VER-
zweifelten Stimme ließ die Äbtissin erschrocken zusammenfahren. Sie hob die Augen von dem reich bebilderten Pergament, das sie an ihrem Tisch studiert hatte, und runzelte verärgert die Stirn.
Sie saß in ihrem dunklen, mit Steinplatten ausgelegten Gemach, das von einigen Talglichtern in bronzenen Wandhaltern nur spärlich erleuchtet wurde. Es war Tag, aber das einzige hohe Fenster ließ wenig Licht herein, und trotz einiger farbenfroher Wandbehänge, die einen Teil des Mauerwerks bedeckten, wirkte der Raum kalt und karg. Auch das im großen Kamin schwelende Feuer verbreitete nicht viel Wärme.
Einen Augenblick lang verharrte die Äbtissin reglos. Ihr mageres, kantiges Gesicht mit der hohen Stirn legte sich in tiefe Falten, und ihre dunklen Augen, in denen die Pupillen kaum zu erkennen waren, funkelten zornig, während sie den Kopf zur Seite neigte, um dem Geschrei zu lauschen. Sie zog den kunstvoll gewebten Wollumhang fester um die Schultern und ließ eine Hand über das aufwendig gearbeitete goldene Kruzifix gleiten, das sie an einer Kette aus winzigen Elfenbeinperlen um den Hals trug. Ihre Kleidung und ihr Schmuck zeugten davon, daß sie eine wohlhabende Frau von hoher Stellung war.
Der Radau vor der schweren Holztür ging weiter, so daß sie sich schließlich seufzend von ihrem
