»Ich nehme an, da habt Ihr Recht, dy Ferrej.« Ista blickte ebenfalls zurück und beobachtete, wie die Pilgerschar über die Hauptstraße davonzog. Witwe Caria beschwatzte inzwischen den Geistlichen des Bastards, einen Choral mit ihr anzustimmen, obwohl das von ihr vorgeschlagene Stück eher nach einem Sauflied klang.

»Und es war nicht ein Mann aus ihrer Familie zu ihrer Unterstützung dabei«, fuhr dy Ferrej ungehalten fort. »Was den fehlenden Ehemann abgeht, kann sie wohl nichts dafür. Aber man sollte doch meinen, sie könnte zumindest einen Bruder oder Sohn auftreiben, oder wenigstens einen Neffen. Tut mir Leid, dass Ihr das über Euch ergehen lassen musstet, Majestät.«

Hinter ihnen war ein Duett zu hören, nicht ganz harmonisch, doch der gute Wille war deutlich zu vernehmen. Das fromme Lied verklang, als die Pilgergruppe sich entfernte.

»Mir tut es nicht leid«, sagte Ista und ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Mir nicht.

2

Ista saß im Rosengarten ihrer Mutter und zwirbelte unruhig ein Taschentuch zwischen den Fingern. Ihre Zofe saß dabei und arbeitete an einer Stickerei, mit einer Nadel, die so dünn war wie ihr Verstand, aber viel schärfer. Zuvor hatte Ista die frische Morgenluft genossen und war eiligen Schrittes im Garten auf und ab gegangen, bis die Zofe sie schließlich laut angefleht hatte, damit aufzuhören. Jetzt blickte sie kurz von ihrer Näharbeit auf und schaute auf Istas Hände, bis diese gereizt das missbrauchte Stück Leinen beiseite legte und stattdessen mit einem ihrer seidenbeschuhte Füße unruhig auf den Boden zu pochen begann. Nein, nicht unruhig — zornig!

Ein Gärtner lief geschäftig umher und goss die Blumen, die zur Jahreszeit der Tochter an sämtlichen Eingängen in Kübeln standen. So war es jahrelang gewesen, unter der Aufsicht der alten Herzogin. Wie lange würde es wohl dauern, bis sich diese alten Gewohnheiten verloren? Oder würde es ewig so weitergehen, als wachte der pedantische Geist der alten Herrin weiterhin darüber, dass sämtliche Pflichten erfüllt wurden? Nein, die Seele der Herzogin befand sich nun in der Obhut der Götter und hatte diese Welt endgültig verlassen.



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