
Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sind die Skandinavier offensichtlich am weitesten vom Ursprung der Zivilisation entfernt und somit logischerweise die letzten, denen sie zuteil wurde; und daher werden sie zu Recht als die letzten Barbaren betrachtet, ein ewiger Dorn im Fleische jener anderen europäischen Länder, welche die Weisheit und Zivilisation des Ostens zu absorbieren suchten.
Der Kummer dabei ist, daß diese traditionelle Sichtweise der europäischen Frühgeschichte in den letzten fünfzehn Jahren weitestgehend zunichte gemacht wurde. Die Entwicklung der Radiokarbonmethode zur genauen Datierung von archäologischen Funden warf die alte Zeitrechnung, welche die überkommene Sichtweise von einer kulturellen Ausbreitung stützte, über den Haufen. Heute scheint es unstrittig, daß Europäer gewaltige megalithische Grabmale errichteten, bevor die Ägypter Pyramiden bauten; Stonehenge ist älter als die mykenische Kultur Griechenlands; es ist durchaus möglich, daß die europäische Metallurgie der Entwicklung der Metallverarbeitung in Griechenland und Troja vorausging. Die Bedeutung dieser Entdeckungen steht noch nicht mit letzter Klarheit fest, gewiß aber ist es heute nicht mehr möglich, die prähistorischen Europäer als Wilde zu bezeichnen, die müßig der Segnungen östlicher Zivilisation harrten. Anscheinend verfügten die Europäer ganz im Gegenteil über so bemerkenswerte organisatorische Fähigkeiten, daß sie mächtige Steine bearbeiten konnten, und anscheinend verfügten sie auch über so eindrucksvolle astronomische Kenntnisse, daß sie Stonehenge bauen konnten, das erste Observatorium der Welt. Somit muß die europäische Hinwendung zum zivilisierten Osten in Frage gestellt werden, und tatsächlich bedarf der Grundgedanke von der »europäischen Barbarei« an sich einer neuerlichen Überprüfung. Wenn man das bedenkt, kommt diesen Überbleibseln einer barbarischen Zeit, den Wikingern, eine völlig neue Bedeutung zu, und wir können von neuem überprüfen, was von den Skandinaviern des zehnten Jahrhunderts bekannt ist.
