Je sorgfältiger man diese Betrachtungen liest, desto unlogischer erscheinen sie. Tatsächlich muß man sich fragen, warum hochgebildete und intelligente europäische Gelehrte sich die Freiheit nehmen, die Wikinger mit wenig mehr als einem beiläufigen Nicken abzutun. Und warum die Beschäftigung mit der semantischen Frage, ob die Wikinger eine »Zivilisation« besaßen? Die Situation läßt sich nur erklären, wenn man eine uralte europäische Neigung in Betracht zieht, die aus der traditionellen Sichtweise der europäischen Vorgeschichte herrührt. Jedem westlichen Schulkind wird pflichtschuldig gelehrt, daß der Nahe Osten »die Wiege der Zivilisation« sei und daß die ersten Zivilisationen in Ägypten und Mesopotamien entstanden, begünstigt durch die Stromtäler des Nil sowie von Euphrat und Tigris. Von dort aus breitete sich die Zivilisation nach Kreta und Griechenland aus, dann nach Rom und schließlich zu den Barbaren im nördlichen Europa. Was diese Barbaren trieben, während sie auf die Segnungen der Zivilisation warteten, war nicht bekannt; und die Frage wurde auch nicht eben häufig gestellt. Die Betonung lag auf dem Prozeß der Ausbreitung, den der verstorbene Gordon Childe zusammenfassend als »die Irradiation der europäischen Barbarei durch orientalische Zivilisation« bezeichnete. Moderne Gelehrte hielten an dieser Sichtweise fest, wie schon römische und griechische Gelehrte vor ihnen. Geoffrey Bibby sagt: »Die Geschichte des nördlichen und östlichen Europa wird aus der Sichtweise des Westens und des Südens betrachtet, mit der ganzen Voreingenommenheit von Menschen, die sich für zivilisiert hielten, gegenüber Menschen, die sie für Barbaren hielten.«



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