Sechs Kurze Geschichten

Dolls

"Gentechnisches Labor IV" stand auf dem kleinen Plastikschild neben der Tür.

Es war still in den kahlen, verlassenen Korridoren, in denen jedes Wort, jeder Schritt raunenden Widerhall erzeugte. Alles lag verlassen. Wir schienen die einzigen zu sein, die sich so spät in der Nacht noch in den Universitätsgebäuden herumtrieben, und ich wurde das Gefühl nicht los, etwas Verbotenes zu tun – als seien wir Einbrecher und ganz unerlaubt hier.

Jarmusch ahnte nichts von meinen Ängsten. Er bewegte sich so unbekümmert, als sei er hier zu Hause – was wohl auch nicht ganz falsch war -, angelte geräuschvoll ein gewaltiges Schlüsselbund aus den Tiefen seiner Hosentasche und schloß mit ohrenbetäubendem Klappern und Rasseln auf.

Als in dem Raum dahinter die Neonröhren angingen, beleuchteten sie eine kolossale Anhäufung von Gläsern, Kolben und kompliziert aussehenden Apparaten, die durch Röhren, Schläuche und Stromleitungen miteinander verbunden waren und den Raum fast vollständig ausfüllten.

"Meine Diplomarbeit", sagte Jarmusch mit einer wegwerfenden Handbewegung und schloß die Tür hinter uns. "Kannst du ignorieren; funktioniert ohnehin alles nicht so, wie der Herr Professor sich das vorgestellt hat."

"Aha."

Ich folgte ihm vorsichtig, bemüht, nirgends anzustoßen und nichts umzuwerfen. Jarmusch zwängte seine massige Gestalt durch das Dickicht des Versuchsaufbaus hindurch zu einer mannshohen grünen Maschine, schaltete sie ein, drückte Knöpfe.

"Das ist der HXG", sagte er.

Ein feines Surren wurde hörbar und vertrieb die Stille aus dem Raum.

"Damit bastelst du also an Genen herum?" fragte ich.

"Ja. Nicht gerade der letzte Schrei, aber ganz brauchbar. Vor allem hat es ein Interface zu einem Personalcomputer – das heißt, man kann all die herrlichen illegalen Programme damit ausprobieren, die es so gibt."

Er lachte verschwörerisch und zog sich den einzigen Stuhl im Raum vor den Tisch, auf dem der Computer stand.



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