
Als Fidelma sich von der Betrachtung des Himmels löste, erblickte sie ein kleines Stück entfernt einen älteren Mann. Anscheinend beobachtete auch er den Morgenhimmel. Sie ging zu ihm und begrüßte ihn lächelnd.
»Bruder Conchobar! Du schaust heute morgen so traurig drein«, sagte sie fröhlich, denn Fidelma ließ ihre Stimmung nicht vom Wetter beeinflussen.
Der alte Mönch hob sein langes Gesicht und setzte eine trübe Miene auf.
»Dazu habe ich auch allen Grund. Heute ist kein glückverheißender Tag.«
»Ein kalter Tag, das gebe ich zu, Bruder«, antwortete sie. »Doch die Wolken können sich verziehen, denn der Wind kommt aus Südwesten, wenn er auch kühl ist.«
Der Alte schüttelte den Kopf und ging nicht auf ihren Frohsinn ein.
»Es sind nicht die Wolken, die mir sagen, wir sollten uns an diesem Tag in acht nehmen.«
»Hast du wieder deine Himmelskarten studiert, Conchobar?« schalt ihn Fidelma, denn sie wußte, daß Bruder Conchobar nicht nur der Arzt von Cashel war, dessen Apotheke im Schatten der königlichen Kapelle stand, sondern daß er auch Schlüsse aus den Konstellationen der Sterne zu ziehen vermochte und viele einsame Stunden in der Betrachtung des Himmelsgewölbes verbrachte. Oft verbanden Ärzte die Medizin und die Astrologie in der Ausübung ihrer Kunst.
»Studiere ich die Karten nicht jeden Tag?« erwiderte der Alte mit düsterer, monotoner Stimme.
»Wie ich seit meiner Kindheit weiß«, bestätigte Fi-delma feierlich.
»Allerdings. Früher habe ich versucht, dir die Himmelskarten zu erklären«, seufzte der Alte. »Du wärst eine ausgezeichnete Deuterin der Vorzeichen geworden.«
