
Cashel erhob sich beinahe drohend an die sechzig Meter hoch auf einem Kalksteinfelsen, der die Ebene ringsum beherrschte. Den einzigen Zugang gewährte eine steile Straße von dem Marktflecken herauf, der sich in seinem Schatten angesiedelt hatte. Außer dem Königspalast standen noch viele Gebäude auf dem Felsen. Die große Kirche, der Sitz des Bischofs von Cashel, war nach Art der meisten Kirchen hoch und rund erbaut und durch Gänge mit dem Palast verbunden. Daneben gab es Stallungen, Vorratshäuser, Gästehäuser, Kasernen für die Leibwache des Königs und ein Kloster für die Mönche und Nonnen, die in der Kathedrale Dienst taten.
Schwester Fidelma bewegte sich mit einer jugendlichen Lebhaftigkeit, die nicht zu ihrem Beruf zu passen schien. Ihr Nonnengewand ließ ihre hochgewachsene, wohlgebildete Gestalt erkennen. Mit leichtem Schritt stieg sie zu den Zinnen hinauf und prüfte wieder den Himmel. Ein kleiner Schauer überlief sie, als ein kalter Windstoß über die Gebäude fegte. Offensichtlich hatte es in der Nacht etwas geregnet, denn die Luft war noch feucht, und ein feiner silberner Schimmer lag auf den Feldern, auf denen sich das Licht des frühen Morgens in Tautropfen spiegelte.
Das Wetter war ungewöhnlich. Der Tag des heiligen Matthäus, der die herbstliche Tagundnachtgleiche mit erstem Frühfrost und sinkenden Nachttemperaturen verkündigte, war noch nicht gekommen. Die Tage in diesem Monat waren schön, aber kühl. Den Himmel bedeckte eine einförmige graue Wolkenschicht, nur wenige hellere Stellen zeigten, wo die Sonne sie zu durchdringen versuchte. Die Wolken ballten sich über den Bergen im Südwesten, jenseits des Tales, in dem sich das breite Band des Flusses Suir von Nord nach Süd schlängelte.
