Gegen zehn Uhr erreichte er die einsame Straße, in der die unbekannte Angebetete wohnte; einen Augenblick hielt er an, aber sosehr er auch lauschte - er konnte keinen Laut vernehmen. Nur schwacher Kerzenschein erhellte ein Fenster des zweiten Stocks. War seine Schöne hinter diesem Fenster? Er stieg über den Zaun und tastete sich vorwärts, bis er unter dem erleuchteten Fenster stand. Lange sah er voll Rührung hinauf und legte sich dann darunter auf die Erde, die Blume in den Händen, die er auf der Brust gefaltet hielt. So wollte er sterben - ausgestoßen in dieser kalten Welt, kein Dach über seinem Haupte. Kein liebes Gesicht würde sich mitleidig über ihn beugen, wenn er mit dem Tode rang. Und so würde sie ihn sehen, wenn sie den jungen Morgen begrüßte, und -oh! würde sie wohl eine kleine Träne über diese arme leblose Hülle vergießen, die einst Tom Sawyer gewesen war?

Plötzlich öffnete sich das Fenster, die misstönende Stimme eines Dienstmädchens zerriss die heilige Stille, und eine Flut von Wasser ertränkte die Überreste des auf dem Boden liegenden Märtyrers. Schnaufend sprang unser Held auf. Ein Wurfgeschoss sauste durch die Luft, begleitet von einem gemurmelten Fluch, ein Geräusch splitternden Glases folgte, und eine kleine, unscheinbare Gestalt sprang über den Zaun und war verschwunden.

Nicht lange danach, als Tom, schon entkleidet, beim flackernden Licht einer Talgkerze seine durchnässten Kleider betrachtete, wachte Sid auf. Falls er jedoch vorgehabt hatte, irgendwelche Anspielungen zu machen, so besann er sich eines Besseren und hielt den Mund, denn Toms Augen versprachen nichts Gutes. Tom schlief ein ohne die übliche Plage des Betens, was Sid stillschweigend zur Kenntnis nahm.



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