
Sie faßte mit beiden Händen die Lehne des mir gegenüberstehenden Sessels und fragte: „Was gibt’s bei dir, Kol?“ Sie setzte sich.
Ich hatte den Eindruck, daß sie etwas betrunken war.
„Langweilig hier“, meinte sie wieder nach einer Weile. „Nicht?
Nehmen wir uns mal, Kol?“
„Ich bin nicht Kol…“, antwortete ich.
Sie stützte die Ellbogen auf das Tischchen und bewegte die Hand mit einem halbgefüllten Glas. Das Ende eines Goldkettchens, das sie um die Finger trug, tauchte dabei in die Flüssigkeit.
Sie bog sich immer mehr vor. Ich spürte ihren Atem. Wenn sie betrunken war, so nicht vom Alkohol.
„Wieso?“ sagte sie. „Du bist es. Mußt es ein. Jeder ist ein Kol.
Willst du wohl? Nehmen wir uns?“
Wenn ich bloß wüßte, was das bedeuten sollte.
„Gut“, sagte ich.
Sie stand auf. Auch ich stand von dem schrecklich niedrigen Sessel auf.
„Wie machst du das?“ fragte sie.
„Was?“
Sie sah auf meine Füße.
„Ich dachte, du würdest auf den Zehenspitzen stehen…“
Ich lächelte schweigend. Sie kam auf mich zu, nahm meinen Arm und staunte wieder.
„Was hast du denn da?“
„Wo, hier? Nichts.“
„Du singst ja“, sagte sie und zog mich leicht mit sich. Wir gingen zwischen den Tischchen durch, und ich überlegte dabei, was wohl dieses „du singst“ bedeuten konnte — vielleicht meinte sie „du mogelst“?
Sie brachte mich an eine dunkelgoldene Wand, wo ein violinschlüsselähnliches Zeichen leuchtete. Als wir dicht davor waren, öffnete sich die Wand. Ich spürte einen Hauch heißer Luft.
Der schmale, silberne Eskalator schwamm hinunter. Wir hielten. Sie reichte mir nicht bis an die Schulter. Sie hatte einen Katzenschädel, schwarzes, blau leuchtendes Haar, ein vielleicht allzu scharfes Profil, doch sie war hübsch. Nur diese scharlachroten Nasenflügel… Sie hielt mich fest mit schlanker Hand, ihre grünen Fingernägel gruben sich in den dicken Stoff meiner Wolljacke ein. Unwillkürlich lächelte ich nur mit den Winkeln meiner Lippen, als ich daran dachte, wo diese Jacke bisher schon überall gewesen war und wie wenig sie mit Frauenfingern zu tun hatte.
