Ob sich hinter Adams streng klassizistischer Bauweise vielleicht eine unbezwingbar sinnliche Natur verberge. Doch Victoria Wilder-Scott pflegte Noreen nur mit leerem Blick anzustarren, wie jemand, der auf eine Übersetzung wartet, und die Fragen dann mit einem »Ja, hm ...« wegzufegen wie eine lästige Mücke.

Vom ersten Unterrichtstag an war es ihr ein Anliegen gewesen, die Teilnehmer ihres Seminars über die Geschichte der britischen Architektur auf den Besuch von Abinger Manor vorzubereiten. Das alte Herrenhaus im Herzen des ländlichen Buckinghamshire vereinte in sich alle in Großbritannien bekannten architektonischen Stilrichtungen und war zugleich eine Fundgrube an kulturellen Schätzen, die vom kostbaren Rokokosilber bis zu Gemälden von der Hand englischer, flämischer und italienischer Meister reichten. Victoria zeigte ihrer Gruppe eine endlose Folge von Dias - gewölbte Decken, verzierte Giebel, Marmorsäulen mit vergoldeten Kapitellen, kunstvoll gemeißelte Wasserspeier und gezähnte Gesimse - und wenn die Gehirne ihrer Schüler mit archi­tektonischen Details gesättigt waren, speiste sie sie zum Nachtisch mit Dias von Porzellan, Silber, Skulpturen, Gobelins und Möbeln. Dieser Landsitz, Abinger Manor, erklärte sie ihnen, sei das Kronjuwel englischer Herrenhäuser. Es war erst seit kurzem der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, und wer es besichtigen wollte und nicht das Glück hatte, in einem einschlägigen Sommerseminar an der Universität Cambridge eingeschrieben zu sein, musste mit einer Wartezeit von mindestens zwölf Monaten rechnen, immer vorausgesetzt, er war gewillt, sich tagelang ans Telefon zu hängen, um überhaupt zur Anmeldung durchzukommen.

»Internet-Buchungen und ähnlichen Unsinn gibt es in Abinger Manor nicht«, teilte Victoria Scott-Wilder ihnen mit. »Hier hält man an den alten Sitten fest.« Die selbstverständlich die einzig richtigen waren.



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