
Wenn ein Patient erregt ist, muß ich ihm ein Beruhigungsmittel geben.«
Veronika hörte auf, sich zu wehren, doch die Krankenschwester gab ihr schon eine Spritze in den Arm. Kurz darauf befand sie sich wieder in einer fremden traumlosen Welt, in der das einzige, an das sie sich erinnern konnte, das Gesicht der Frau war, die sie gerade gesehen hatte: grüne Augen, braunes Haar und die unbeteiligte Miene eines Menschen, der Dienst nach Vorschrift tut, ohne seine Handlungen zu hinterfragen.
Paulo Coelho erfuhr die Geschichte von Veronika drei Monate später, als er in einem algerischen Restaurant in Paris mit einer slowenischen Freundin zu Abend aß, die ebenfalls Veronika hieß und Tochter des Chefarztes von Villete war.
Später, als er sich entschloß, ein Buch darüber zu schreiben, dachte er daran, den Namen Veronikas, seiner Freundin, zu ändern, um die Leser nicht zu verwirren. Er dachte daran, ihr den Namen Blaska oder Edwina oder Marietzja oder irgendeinen anderen slowenischen Namen zu geben. Doch am Ende beschloß er, die wahren Namen beizubehalten. Wenn er Veronika, seine Freundin, meinte, würde er sie »meine Freundin Veronika« nennen. Der anderen Veronika brauchte er keinerlei nähere Bestimmung hinzuzufügen, denn sie würde die Hauptperson des Buches sein und müßte den Lesern nicht ständig mit irritierenden Zusätzen wie
»Veronika die Verrückte« oder »Veronika, die versuchte, sich umzubringen« vorgestellt werden. Zudem würden er wie auch seine Freundin Veronika nur kurz in dieser Geschichte auftauchen, an dieser Stelle nämlich.
Veronika, die Freundin, war entsetzt über das, was ihr Vater getan hatte, zumal er er als Direktor um den guten Ruf seiner Klinik bangen mußte und auch weil er demnächst seine Habilitationsarbeit Medizinprofessoren vorlegen wollte, die sie nach traditionellen Maßstäben beurteilen würden. »Weißt du, woher das Wort >Asyl< kommt, mit dem hier auch Irrenanstalten bezeichnet werden?« fragte sie. »Es geht auf das mittelalterliche Wort >asylum< und das damals bereits wirksame Recht der Menschen zurück, in Kirchen und geheiligten Orten Zuflucht zu finden. Das Recht auf Asyl ist doch etwas, was jeder zivilisierte Mensch versteht. Wie konnte mein Vater als Direktor eines Asyls so mit jemandem umgehen?«
