
Doch so absurd es auch klingen mag, ich glaube, das war ihre glücklichste Zeit. Sie fühlte sich lebendig und stellte sich den Herausforderungen.«
>Was hat das mit mir zu tun?<, fragte sich Veronika. >Ich bin nicht ihre Tante, und ich habe keinen Mann.<
»Am Ende hat der Mann seine Geliebte verlassen«, fuhr die Frau fort, »und meine Tante kehrte allmählich zu ihrer gewohnten Passivität zurück. Eines Tages rief sie mich an und sagte mir, daß sie ihr Leben geändert und mit dem Rauchen aufgehört habe. In derselben Woche, nachdem sie die Dosis Beruhigungsmittel erhöht hatte, weil sie nicht mehr rauchte, gab sie allen bekannt, daß sie sich umbringen wollte.
Niemand glaubte ihr. Eines Morgens hinterließ sie mir eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, in der sie sich von mir verabschiedete, und brachte sich mit Gas um. Ich hörte mir diese Nachricht mehrfach an. Nie zuvor hatte ihre Stimme so ruhig, so eins mit ihrem Schicksal und gelassen geklungen. Sie sagte, sie sei weder glücklich noch unglücklich und hielte es daher nicht weiter aus.«
Veronika tat die Frau leid, die diese Geschichte erzählte und den Tod ihrer Tante zu begreifen versuchte. Wie sollte man in einer Welt, in der man um jeden Preis versucht zu überleben, Menschen beurteilen, die zu sterben beschließen?
Keinem kommt ein Urteil zu. Jeder kennt nur das Ausmaß des eigenen Leidens oder die Sinnlosigkeit des eigenen Lebens, wollte Veronika sagen, doch wegen des Schlauchs in ihrem Mund brachte sie nur ein Würgen heraus. Die Frau kam ihr zu Hilfe.
Die Frau beugte sich über die Fesseln, Schläuche und Sonden, die Veronika gegen ihren Willen vor Selbstzerstörung schützen sollten. Veronika warf den Kopf hin und her, flehte mit den Blicken, ihr die Schläuche herauszunehmen, sie in Frieden sterben zu lassen.
»Sie sind erregt«, sagte die Frau. »Ich weiß nicht, ob Sie es bereuen oder ob Sie immer noch sterben wollen, doch das interessiert mich nicht. Ich mache hier nur meine Arbeit.
