
Davon konnte Paulo Coelho als Brasilianer ein Lied singen, denn wie oft hatte man ihn im Ausland nicht schon zur Schönheit von Buenos Aires beglückwünscht, das irrtümlich für die Hauptstadt Brasiliens gehalten wurde. Wie Veronika war er in ein Sanatorium für Geisteskranke gesteckt worden, aus dem er, wie seine erste Frau einmal anmerkte, »nie wieder hätte herauskommen sollen«.
Doch er war wieder herausgekommen. Und als er die Casa de Saude Dr. Eiras das dritte und, wie er sich schwor, letzte Mal verließ, hatte er sich innerlich zwei Versprechen gegeben: a) einmal über dieses Thema zu schreiben und b) sich nicht eher öffentlich darüber zu äußern, als bis seine Eltern gestorben waren; er wollte sie nicht verletzen, denn beide hatten sich jahrelang Vorwürfe deswegen gemacht.
Seine Mutter war 1993 gestorben. Doch sein Vater, der im Jahre 1997 84 Jahre alt geworden war, lebte noch und war bis auf ein Lungenemphysem (das er bekommen hatte, obschon er Nichtraucher war) kerngesund, auch wenn er sich von Tiefkühlkost ernährte, weil sich keine Angestellte fand, die seine Schrullen ertrug.
Veronikas Geschichte bot Paulo Coelho die Möglichkeit, über das Thema zu sprechen, ohne seinem Versprechen untreu zu werden. Anders als Veronika hatte er nie an Selbstmord gedacht, doch die Anstaltswelt mit ihren Behandlungsmethoden, dem Verhältnis Arzt-Patient, dem von ihr vermittelten zwiespältigen Gefühl von Geborgenheit einerseits und Beklemmung andererseits kannte er sehr genau.
Nehmen wir also Abstand von Paulo Coelho und Veronika, der Freundin, und fahren wir mit der Geschichte fort.
Veronika wußte nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Sie erinnerte sich daran, daß sie irgendwann mit Schläuchen in Mund und Nase aufgewacht war und eine Stimme hörte, die sie fragte
»Möchten Sie, daß ich Sie masturbiere?«
Doch jetzt, da sie sich mit weit offenen Augen im Zimmer umsah, wußte sie nicht, ob das wirklich geschehen oder eine Halluzination gewesen war. Doch an etwas anderes konnte sie sich nicht erinnern.
