
Während sie auf den Tod wartete, begann Veronika über ein Computerspiel zu lesen, etwas, das sie im Grunde überhaupt nicht interessierte. Aber das war typisch für sie. Ihr ganzes Leben hatte sie den Weg des geringsten Widerstands beziehungsweise das Nächstliegende gewählt, wie zum Beispiel jetzt diese Zeitschrift.
Die Beruhigungsmittel hatten sich in ihrem Magen noch nicht aufgelöst, aber Veronika war von Natur aus passiv. Bereits die erste Zeile jedoch riß sie unverhofft aus ihrer Lethargie und führte dazu, daß sie zum ersten Mal überlegte, ob an dem Modeausdruck »nichts auf dieser Welt geschieht zufällig« nicht doch etwas Wahres sei.
Wieso dieser erste Satz gerade jetzt, da es ans Sterben ging? Welche verborgene Botschaft starrte ihr da entgegen, sofern es überhaupt so etwas wie verborgene Botschaften gibt und nicht einfach Zufälle.
Unter einem Bild aus diesem Computerspiel leitete der Journalist sein Thema mit der Frage ein: »Wo liegt Slowenien?«
>Keiner weiß, wo Slowenien liegt<, dachte sie. >Nicht einmal das.<
Doch Slowenien gab es, und es lag dort draußen, hier drinnen, in den Bergen ringsum und auf dem Platz vor ihrem Fenster: Slowenien war ihre Heimat.
Sie legte die Zeitschrift zur Seite. Warum sollte sie sich jetzt über eine Welt aufregen, die nichts von Slowenien wußte: Die Ehre ihrer Nation ging sie nichts mehr an. Jetzt galt es, stolz auf sich selbst zu sein, sich zu ihrer Tat zu gratulieren, dazu, daß sie endlich den Mut gefunden hatte, dieses Leben zu verlassen: Welch eine Freude! Und sie tat es so, wie sie es sich immer ausgemalt hatte — mit Tabletten, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen.
