Veronika hatte fast sechs Monate gebraucht, um sich die Tabletten zu besorgen. Sie hatte schon geglaubt, es nie zu schaffen, schon überlegt, sich die Pulsadern aufzuschneiden.

Doch auch wenn dies ein blutiges Zimmer bedeutet und die Nonnen verwirrt und bekümmert hätte, verlangt ein Selbstmord, daß man zuerst an sich und dann erst an die anderen denkt. Wenn irgend möglich sollte ihr Tod unspektakulär ausfallen, doch wenn es sich nicht umgehen ließ, würde sie sich eben die Pulsadern aufschneiden — und die Nonnen müßten dann halt das Zimmer säubern und dann schnellstens das Ganze vergessen. Sonst würde es schwierig werden, das Zimmer wieder zu vermieten; Jahrtausendwende hin oder her — die Leute glaubten immer noch an Gespenster.

Natürlich könnte sie sich auch von einem der wenigen hohen Häuser Ljublanas stürzen. Doch würde das ihren Eltern nicht noch zusätzliches Leid bescheren? Zu dem Schock über den Tod der Tochter käme noch die Zumutung, die verstümmelte Leiche identifizieren zu müssen: Nein, das war noch schlimmer, als zu verbluten, denn es würde zwei Menschen, die doch nur das Beste für sie wollten, völlig zerstören.

Daran, daß ihre Tochter tot war, würden sie sich am Ende gewöhnen. Doch über einen zertrümmerten Schädel würden sie nicht hinwegkommen. Sich erschießen, sich von einem Hochhaus stürzen, sich erhängen, das alles paßte nicht zu ihrer weiblichen Natur.

Wenn Frauen sich umbringen, greifen sie zu romantischeren Mitteln, wie sich die Pulsadern durchschneiden oder eine Überdosis Schlafmittel nehmen. Verlassene Prinzessinnen und Hollywoodstars haben es ihnen vorgemacht.

Veronika wußte, Leben bedeutete, immer den richtigen Augenblick zum Handeln abzupassen. Und so war es dann auch gewesen; zwei ihrer Freunde, die sich ihre Klagen darüber, daß sie nicht einschlafen konnte, zu Herzen nahmen, hatten ihr jeder zwei Schachteln einer starken Droge besorgt, die die Musiker einer Disko in der Stadt nahmen. Veronika hatte die vier Schachteln eine Woche lang auf ihrem Nachttisch liegen gehabt, mit dem nahenden Tod geflirtet und sich ohne irgendwelche Sentimentalität von dem verabschiedet, was man Leben nennt.



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