Im Laufe ihres Lebens hatte Veronika begriffen, daß es unendlich viele Leute gab, die von den Schicksalsschlägen ihrer Mitmenschen in einem Ton sprachen, als ginge es ihnen darum, zu helfen. Aber in Wahrheit weideten sie sich am Leid der anderen, weil es sie glauben machte, sie selbst seien glücklich und das Leben habe es gut mit ihnen gemeint.

Veronika konnte diese Sorte Menschen nicht ausstehen.

Der junge Mann sollte keine Gelegenheit bekommen, auf ihre Kosten seine eigenen Frustrationen zu verdrängen.

Sie schaute ihn direkt an und lächelte.

»Dann habe ich also nicht versagt.«

»Nein«, war die Antwort. Doch seine Freude am Überbringen von Hiobsbotschaften war verflogen.

In der Nacht bekam sie jedoch Angst. Ein schneller Tablettentod war eines, etwas anderes war es, fünf Tage, eine Woche lang auf den Tod zu warten, nachdem man schon alles gelebt hatte, was möglich war.

Sie hatte ihr Leben damit verbracht, ständig auf etwas zu warten: Darauf, daß der Vater von der Arbeit kam, auf den Brief des Liebsten, der immer nicht kam, auf die Prüfungen am Jahresende, auf die Bahn, auf den Bus, auf einen Anruf, auf den ersten Ferientag, auf den letzten Ferientag. Jetzt mußte sie auf den Tod warten, für dessen Kommen der Termin schon abgemacht war.

>Das konnte nur mir passieren. Normalerweise sterben die Leute genau dann, wenn sie es nicht erwarten.< Sie mußte hier raus, sich neue Tabletten besorgen. Sollte ihr das nicht gelingen und die einzige Lösung sein, sich in Ljubljana von einem Gebäude zu stürzen, dann würde sie es tun. Sie hatte versucht, ihren Eltern zusätzliches Leid zu ersparen, doch jetzt gab es keinen anderen Ausweg.

Sie blickte um sich. Alle Betten waren belegt. Die Leute schliefen, einige schnarchten heftig. Die Fenster waren vergittert.



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