
Sie schrieb den Brief. Das versetzte sie vorübergehend in Hochstimmung und ließ sie beinah an der Notwendigkeit zweifeln zu sterben, doch sie hatte die Tabletten nun mal geschluckt, und das ließ sich nicht mehr rückgängig machen.
Sie hatte durchaus schon gutgelaunte Augenblicke wie diesen erlebt und brachte sich nicht einfach um, weil sie eine traurige, verbitterte, ständig depressive Frau gewesen wäre.
Viele Abende war sie fröhlich durch die Straßen von Ljubljana gezogen oder hatte aus ihrem Klosterfenster auf den beschneiten kleinen Platz mit der Statue des Dichters geblickt.
Einmal war sie fast einen Monat lang auf Wolken gegangen, weil ihr ein Unbekannter auf diesem Platz eine Blume geschenkt hatte.
Sie hielt sich für einen vollkommen normalen Menschen.
Ihr Entschluß zu sterben hatte zwei einfache Gründe, und sicher würden viele Menschen sie verstehen, wenn sie sie in einer entsprechenden Erklärung darlegte.
Der erste Grund war: Ihr Leben verlief gleichförmig, und wenn die Jugend erst einmal vorbei war, würde es nur noch abwärtsgehen, sie würde altern, krank werden, Freunde verlieren. Letztlich würde Weiterleben nichts bringen, vermutlich nur mehr Leiden.
Der zweite Grund war: Veronika las die Zeitungen, sah fern und wußte, was in der Welt geschah. Nichts war so, wie es sein sollte, und sie konnte nichts dagegen tun. Und das gab ihr ein Gefühl vollkommener Ohnmacht.
Demnächst würde sie jedoch die letzte Erfahrung ihres Lebens machen, und die versprach ganz anders zu werden: den Tod. Der Brief an die Zeitschrift war geschrieben, und damit war für sie die Geschichte erledigt. Jetzt richtete sie ihr Augenmerk auf wichtigere Dinge: auf ihr momentanes Leben beziehungsweise Sterben.
