
Sie versuchte sich vorzustellen, wie es ist zu sterben, doch es gelang ihr nicht.
So oder so brauchte sie sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen, denn sie würde es in wenigen Minuten wissen.
In wieviel Minuten? Sie hatte keine Ahnung. Doch sie genoß den Gedanken, daß sie die Anwort auf die Frage erhalten würde, die sich alle stellten: Gibt es Gott?
Anders als für viele Menschen war dies für sie keine lebenswichtige Frage gewesen. Unter der ehemaligen kommunistischen Regierung war die offizielle Lehrmeinung gewesen, daß das Leben mit dem Tod endete, und sie hatte sich damit abgefunden. Andererseits war die Generation ihrer Eltern und Großeltern noch in die Kirche gegangen, hatte gebetet und Wallfahrten unternommen und glaubte felsenfest, daß Gott ihre Gebete hörte.
Mit ihren vierundzwanzig Jahren, und nachdem sie das Leben in vollen Zügen genossen hatte, war sich Veronika fast sicher, daß alles mit dem Tod aufhören würde. Daher hatte sie den Selbstmord gewählt: endlich Freiheit. Vergessen für immer.
Im Grunde ihres Herzens gab es dennoch Zweifel: Und wenn es Gott nun doch gab? Die Jahrtausende machten den Selbstmord zu einem Tabu, zu einem Affront gegen die Religion: Der Mensch kämpft, um zu überleben, und nicht, um zugrunde zu gehen. Die Menschheit muß sich fortpflanzen.
Die Gesellschaft braucht Arbeitskräfte. Ein Paar braucht einen Grund dafür, zusammenzubleiben, wenn die Liebe aufgehört hat, ein Land braucht Soldaten, Politiker und Künstler.
>Wenn es Gott gibt, was ich ehrlich gesagt nicht glaube, wird er begreifen, daß der menschliche Verstand Grenzen hat. Gott hat dieses Durcheinander voller Elend, Ungerechtigkeit, Geldgier und Einsamkeit geschaffen — sicher in der besten Absicht, doch mit verheerenden Folgen. Wenn es Gott gibt, wird er mit den Geschöpfen, die verfrüht von dieser Erde gehen wollen, großmütig verfahren, und er sollte uns vielmehr um Verzeihung bitten, daß er uns dieses Leben hier zugemutet hat.
