
Auf dem einzigen Schemel in der Zelle saß ein scharfgesichtiger, totenbleicher Mann und beobachtete ihn aus dunklen Augen, die in erschreckender Vorfreude funkelten. Er trug ein Mönchsgewand und am Hals ein kostbares goldenes Kruzifix.
»Also nun, Angelsachse«, sagte er mit spröder, einschüchternder Stimme, »wirst du vielleicht etwas über deine eigene Zukunft nachdenken.«
Trotz des Vorgangs, dessen Zeuge er soeben geworden war, leistete sich Bruder Eadulf ein grimmiges Lächeln.
»Ich glaube nicht, daß ich über meine Zukunft viel nachdenken muß. Ich meine eher, sie steht kurz vor ihrem Ende, was diese Welt anbetrifft.«
Die Lippen des Sitzenden verzogen sich höhnisch bei diesem Versuch des anderen, seinen Humor zu bewahren.
»Um so mehr Grund hast du, dich damit zu befassen, Angelsachse. Wie wir unsere letzten Stunden in dieser Welt verbringen, ist von Bedeutung für unser ewiges Leben in der anderen Welt.«
Eadulf setzte sich auf die hölzerne Pritsche. »Ich will mich mit dir nicht über Rechtskunde streiten, Bischof Forbassach, doch eins ist mir ein Rätsel«, sagte er leichthin. »Ich habe mehrere Jahre in diesem Lande studiert, aber eine Hinrichtung habe ich noch nie erlebt. Schließlich legt doch euer Gesetz, das Senchus Mor, fest, daß niemand in den fünf Königreichen für irgendein Verbrechen hingerichtet werden kann, wenn die eric-Strafe oder die Entschädigung gezahlt werden. Aus welchem Grunde wurde der junge Mann da unten umgebracht?«
Bischof Forbassach, Oberrichter des Königs Fia-namail von Laigin und damit sowohl ein Brehon als auch ein Bischof des Königreichs, verzog die Lippen zu einem zynischen Lächeln.
»Die Zeiten ändern sich, Angelsachse. Die Zeiten ändern sich. Unser junger König hat verfügt, daß die christlichen Gesetze und Strafen - die wir die Bußgesetze nennen - an die Stelle der alten Bräuche dieses Landes treten. Was in allen anderen Ländern, die Christi Gesetze gebrauchen, für den Glauben gut ist, muß auch uns genügen.«
