Von weit, weit weg ertönte eine Männerstimme. »Ist alles in Ordnung?«

Langsam, vorsichtig schlug sie die Augen auf. Sie war wieder auf der Pennsylvania Avenue, im fahlen Licht der Wintersonne, und hörte das leiser werdende Geräusch einer Düsenmaschine und die Sirene eines Krankenwagens, die diese Erinnerung ausgelöst hatten.

»Miss - ist alles in Ordnung!«

Nur mühsam fand sie wieder in die Gegenwart zurück. »Ja. Mir - mir geht’s gut, danke.«

Er starrte sie an. »Moment mal! Sie sind Dana Evans. Ich bin ein großer Verehrer von Ihnen. Ich schaue mir jeden Abend Ihre Sendung auf WTN an, und ich habe alle Ihre

Beiträge aus Jugoslawien gesehen.« Er klang hellauf begeistert. »Muss ganz schön aufregend für Sie gewesen sein, von diesem Krieg zu berichten, was?«

»Ja.« Dana Evans’ Hals war trocken. Aufregend, wenn man mit ansehen muss, wie Menschen zerfetzt, Babys in Brunnen geworfen werden, zerrissene Körperteile wie Unrat auf einem rot verfärbten Fluss dahintreiben.

Plötzlich war ihr übel. »Entschuldigen Sie.« Sie wandte sich ab und hastete davon.

Dana Evans war erst drei Monate zuvor aus Jugoslawien zurückgekehrt und ihre Erinnerungen waren noch allzu frisch. Es kam ihr geradezu unwirklich vor, bei hellem Tageslicht ohne jede Angst die Straße entlanggehen zu können, den Gesang der Vögel und das Lachen der Menschen zu hören. In Sarajevo hatte es kein Lachen gegeben, nur das Krachen der einschlagenden Granaten und die qualvollen Schreie, die darauf folgten.

John Donne hatte Recht, dachte Dana. Niemand ist eine Insel. Was einem widerfährt, widerfährt uns allen, denn wir sind alle aus Erde und Sternenstaub gemacht. Gemeinsam erleben wir das Walten der Zeit. Unerbittlich bewegt sich der große Sekundenzeiger des Universums voran, bis die nächste Minute anbricht.



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