»Wicht«, »Stöpsel« und »Mini« lauteten denn auch die Spitznamen, die man ihm gab. Was den Unterricht anging, interessierte er sich ausschließlich für Mathematik und Computer, Fächer, in denen er ständig die besten Noten bekam. Auch im Schachclub seiner Klasse konnte ihm niemand das Wasser reichen. Früher hatte Kemal gern Fußball gespielt, doch als er sich für die Schulauswahl melden wollte, hatte der Trainer nur einen Blick auf seinen leeren Ärmel geworfen und gesagt: »Tut mir Leid, dich können wir nicht gebrauchen.« Die Absage war keineswegs unfreundlich gewesen, aber dennoch ein schwerer Schlag.

Kemals schlimmster Quälgeist hieß Ricky Underwood. Einige Schüler verbrachten die Mittagspause stets in dem umfriedeten Innenhof, statt sich in die Cafeteria zu begeben. Ricky Underwood wartete immer ab, bis er sah, wo Kemal sein Essen zu sich nahm, und gesellte sich dann zu ihm.

»Hey, Waisenjunge. Wann schickt dich denn deine böse Stiefmutter wieder dorthin zurück, wo du herkommst?«

Kemal beachtete ihn nicht.

»Ich rede mit dir, du Krüppel. Du meinst doch nicht etwa, die behält dich, oder? Jeder weiß doch, weshalb sie dich hergebracht hat, du Schafskopf. Weil sie nämlich eine bekannte Kriegsberichterstatterin war und es sich gut machte, wenn sie einen Krüppel rettet.«

»Fukat!«, schrie Kemal. Er sprang auf und stürzte sich auf Ricky.

Rickys Faust traf ihn in der Magengrube, dann im Gesicht. Kemal ging zu Boden, krümmte sich vor Schmerz.

»Du kannst jederzeit mehr kriegen, wenn’s dir noch nicht reicht«, sagte Ricky Underwood. »Aber beeil dich lieber, weil ich nämlich gehört habe, dass es dich nicht mehr lange gibt.«

Kemal war fortwährend zwischen Angst und Zweifeln hin-und hergerissen. Er glaubte Ricky Underwood kein Wort, aber dennoch ... Was war, wenn er Recht hatte? Was ist, wenn sie mich zurückschickt? Ricky hat Recht, dachte Kemal. Ich bin ein Krüppel. Wieso sollte mich jemand, der so wunderbar ist wie Dana, bei sich haben wollen?



24 из 265