Kemal war überzeugt gewesen, sein Leben sei vorüber, als seine Eltern und seine Schwester in Sarajevo umgekommen waren. Er war in ein Waisenhaus am Stadtrand von Paris gebracht worden, und das war der reinste Albtraum.

Jeden Freitag Nachmittag um zwei waren die Jungen und Mädchen in dem Waisenhaus in Reih und Glied angetreten, denn da trafen die in Frage kommenden Pflegeeltern ein, um alle zu begutachten, ein Kind auszusuchen und mit nach Hause zu nehmen. Immer wenn es Freitag wurde, waren die Kinder so aufgeregt und gespannt, dass sie es kaum noch ertragen konnten. Sie wuschen sich, zogen sich ordentlich an, und während die Eltern die Reihe entlanggingen, betete jedes Kind insgeheim darum, dass man es auswählen möge.

Doch jedes Mal, wenn die Pflegeeltern in spe Kemal sahen, tuschelten sie sich zu: »Schau, er hat nur einen Arm.« Und dann gingen sie weiter.

Jeden Freitag lief es auf das Gleiche hinaus, doch Kemal wartete nach wie vor voller Hoffnung, wenn die Erwachsenen die angetretenen Kandidaten musterten. Aber sie suchten immer andere Kinder aus. Geknickt und beschämt stand er da, wenn er wieder einmal übergangen worden war.

Dabei wollte Kemal unbedingt wieder eine Familie um sich haben. Er versuchte alles, was ihm einfiel, damit es ihm gelang. An einem Freitag lächelte er die Erwachsenen strahlend an, um ihnen zu zeigen, was für ein netter, freundlicher Junge er sei. Am nächsten tat er so, als wäre er mit irgendetwas beschäftigt, als wäre es ihm gleichgültig, ob sie ihn auswählten oder nicht, weil sie sich ohnehin glücklich schätzen könnten, wenn sie ihn bekämen. Ein andermal schaute er sie flehentlich an, betete insgeheim darum, dass sie ihn mit zu sich nach Hause nehmen möchten. Aber Woche um Woche wurde immer jemand anders ausgewählt und mitgenommen, bekam ein anderes Kind ein gemütliches Zuhause und eine glückliche Familie.



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