
Wesen. Groß, schlank und unglaublich schick, in einem Stil, der mühelos wirkte, aber das Ergebnis angestrengten Nachdenkens und großer Kosten war, wurde sie mehr und mehr zu einer >vornehmen Präsenz<, je näher sie den Fünfzig rückte. Als Frau war sie leidenschaftlich und temperamentvoll, als Künstlerin eine erstklassige Interpretin Haydns, dessen Klavierkonzerte sie mit zauberhafter, penibler, ekstatischer Präzision spielte. Ich hatte harte Musikkritiker ihre Konzerte mit Tränen in den Augen verlassen sehen. Aus diesem Grund hatte ich auch nie mit einer sok-kenflickenden, kuchenbackenden Mama gerechnet.
Mein Vater, der mich stets mit höflicher Freundlichkeit behandelte, sagte zur Begrüßung:»Hast du einen guten Tag gehabt?«
Das fragte er immer. Ich antwortete gewöhnlich kurz angebunden ja oder nein, weil ich wußte, daß er sich nicht im Ernst dafür interessierte.
«Ich habe gesehen, wie sich ein Mann umgebracht hat«, sagte ich.»Nein, es war kein guter Tag.«
Fünf Gesichter wandten sich mir zu. Meine Mutter sagte:»Was meinst du damit, Liebling?«
«Ein Jockei hat sich auf dem Rennplatz erschossen. Ganz in meiner Nähe. Es war scheußlich.«
Sie standen alle fünf da und starrten mich offenen Mundes an. Ich bedauerte, davon angefangen zu haben, denn die Erinnerung war noch viel schrecklicher als die Tat selbst.
Sie waren aber keineswegs betroffen. Der Cello-Onkel machte den Mund zu, ging achselzuckend ins Wohnzimmer und sagte über die Schulter:»Na ja, wenn du dir schon einen so merkwürdigen Beruf aussuchst…«
Meine Mutter folgte ihm mit den Blicken. Eine Baßsaite schwirrte, als er sein Instrument vom Sofa nahm, und wie von einem Magneten angezogen, gingen die anderen nach. Nur mein Vetter blieb noch auf ein Wort, dann kehrte auch er zu seiner Klarinette zurück.
