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Die Frau kam schräg auf Ravic zu. Sie ging schnell, aber sonderbar taumelig. Ravic bemerkte sie erst, als sie fast neben ihm war. Er sah ein blasses Gesicht mit hochliegenden Wangenknochen und weit auseinanderstehenden Augen. Das Gesicht war starr und maskenhaft; es wirkte, als sei es eingestürzt, und die Augen hatten im Laternenlicht einen Ausdruck so gläserner Leere, daß er aufmerksam wurde.
Die Frau streifte ihn beinahe, so dicht ging sie an ihm vorüber. Er streckte seine Hand aus und griff nach ihrem Arm. Im nächsten Augenblick schwankte sie und wäre gefallen, wenn er sie nicht gehalten hätte.
Er hielt ihren Arm fest. »Wo wollen Sie hin?« fragte er nach einer Weile.
Die Frau starrte ihn an. »Lassen Sie mich los«, flüsterte sie.
Ravic erwiderte nichts. Er hielt ihren Arm weiter fest.
»Lassen Sie mich los! Was soll das?« Die Frau bewegte kaum die Lippen.
Ravic hatte den Eindruck, daß sie ihn gar nicht sah. Sie blickte durch ihn hindurch, irgendwohin in die leere Nacht. Es war nur etwas, das sie aufhielt und gegen das sie sprach. »Lassen Sie mich los!«
Er hatte sofort gesehen, daß sie keine Hure war. Sie war auch nicht betrunken. Er hielt ihren Arm nicht mehr sehr fest. Sie hätte sich leicht losmachen können, wenn sie gewollt hätte; aber sie bemerkte es nicht. Ravic wartete eine Weile. »Wo wollen Sie wirklich hin, nachts, allein, um diese Zeit in Paris?« sagte er dann noch einmal ruhig und ließ ihren Arm los.
Die Frau schwieg. Aber sie ging nicht weiter. Es war, als ob sie, einmal angehalten, nicht mehr weitergehen könne.
Ravic lehnte sich an das Geländer der Brücke. Er fühlte den feuchten, porösen Stein unter seinen Händen. »Dahin vielleicht?« Er deutete mit seinem Kopf rückwärts, hinunter, wo sich die Seine in grauem, verfließendem Glanz ruhelos gegen die Brückenschatten der Pont de l’Alma schob.
