Die Frau antwortete nicht.

»Zu früh«, sagte Ravic. »Zu früh und viel zu kalt im November.«

Er zog ein Päckchen Zigaretten hervor und kramte in seinen Taschen nach Streichhölzern. Er fand, daß nur noch zwei in dem schmalen Karton waren, und beugte sich vorsichtig nieder, um die Flamme mit den Händen gegen den leichten Wind vom Fluß zu schützen.

»Geben Sie mir auch eine Zigarette«, sagte die Frau mit tonloser Stimme.

Ravic richtete sich auf und zeigte ihr das Päckchen. »Algerische. Schwarzer Tabak der Fremdenlegion. Wahrscheinlich zu stark für Sie. Ich habe keine anderen bei mir.«

Die Frau schüttelte den Kopf und nahm eine Zigarette. Ravic hielt ihr das brennende Streichholz hin. Sie rauchte hastig, mit tiefen Zügen. Ravic warf das Streichholz über das Geländer. Es fiel wie eine kleine Sternschnuppe durch das Dunkel und erlosch erst, als es das Wasser erreichte.

Ein Taxi kam langsam über die Brücke gefahren. Der Chauffeur hielt an. Er blickte herüber und wartete einen Augenblick; dann gab er Gas und fuhr weiter die feuchte, schwarz glänzende Avenue George V. hinauf.

Ravic fühlte plötzlich, daß er müde war. Er hatte den Tag über schwer gearbeitet und nicht schlafen können. Deshalb war er wieder fortgegangen, um zu trinken. Jetzt aber, auf einmal, fiel die Müdigkeit in der nassen Kühle der späten Nacht über seinen Kopf wie ein Sack.

Er sah die Frau an. Weshalb hatte er sie eigentlich angehalten? Es war etwas mit ihr los, das war klar. Aber was ging es ihn an? Er hatte schon viele Frauen gesehen, mit denen etwas los war, besonders nachts, besonders in Paris, und es war ihm jetzt egal, und er wollte nur noch ein paar Stunden schlafen.

»Gehen Sie nach Hause«, sagte er. »Was suchen Sie um diese Zeit noch auf der Straße? Sie können höchstens Unannehmlichkeiten haben.«

Er schlug seinen Mantelkragen hoch und wandte sich zum Gehen. Die Frau sah ihn an, als verstände sie ihn nicht. »Nach Hause?« wiederholte sie.



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