Julia kam gegen halb zehn nach Hause. Ich saß vor dem Fernseher und guckte das Spiel der Giants, ohne richtig hinzuschauen. Sie kam herein und gab mir einen Kuss auf den Nacken. Sie sagte: »Schlafen alle?«

»Bis auf Nicole. Sie macht noch Hausaufgaben.«

»Was? Müsste sie nicht längst im Bett sein?«

»Nein, Schatz«, sagte ich. »Wir haben das doch besprochen.

Dieses Jahr darf sie bis zehn aufbleiben, weißt du nicht mehr?«

Julia zuckte die Achseln, als könne sie sich nicht erinnern. Und vielleicht erinnerte sie sich wirklich nicht. Wir hatten eine Art Rollentausch vollzogen; immer war sie diejenige gewesen, die mehr über die Kinder gewusst hatte, aber jetzt war ich das. Manchmal hatte Julia Probleme damit, erlebte es irgendwie als Machtverlust.

»Wie geht's der Kleinen?«

»Ihre Erkältung ist besser geworden. Schnieft nur noch ein bisschen. Sie isst auch wieder mehr.«

Ich ging mit Julia zu den Kinderzimmern. Sie trat in das Zimmer der Kleinen, beugte sich über das Bettchen und küsste das schlafende Kind zärtlich. Ich beobachtete sie und dachte dabei, dass ein Vater niemals an die liebevolle Fürsorge einer Mutter heranreichte. Julia hatte eine innere Verbindung zu den Kindern, wie ich sie nie haben würde. Oder zumindest war die Verbindung anderer Art. Sie lauschte dem leisen Atem der Kleinen und sagte: »Ja, es geht ihr besser.«

Dann ging sie in Erics Zimmer, nahm den Gameboy von der Bettdecke und warf mir einen finsteren Blick zu. Ich zuckte die Achseln, leicht gereizt; ich wusste, dass Eric mit seinem Gameboy spielte, wenn er eigentlich schon schlafen sollte, aber ich hatte zu der Zeit alle Hände voll damit zu tun, die Kleine ins Bett zu bringen, und ich hatte nicht daran gedacht. Ich fand, Julia könnte ruhig mehr Verständnis zeigen.

Dann ging sie in Nicoles Zimmer. Nicole saß an ihrem Laptop, klappte aber den Deckel zu, als ihre Mutter hereinkam. »Hi, Mom.«



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