
Ich fand überhaupt nicht, dass sie Recht hatte. Ich fand, sie hatte Unrecht.
Und in den vergangenen Wochen war mir aufgefallen, dass sich Vorfälle dieser Art häuften. Zunächst glaubte ich, Julia hätte ein schlechtes Gewissen, weil sie so viel weg war. Dann glaubte ich, sie wollte ihre Position verteidigen, die Kontrolle über einen Haushalt zurückgewinnen, der mir in die Hände gefallen war. Und dann glaubte ich, es läge daran, dass sie müde war oder in der Firma so stark unter Druck stand.
Doch in letzter Zeit merkte ich selbst, dass ich Entschuldigungen für ihr Verhalten suchte. Mich beschlich das Gefühl, Julia hatte sich verändert. Sie war anders, irgendwie angespannter, härter.
Die Kleine brüllte aus vollem Halse. Ich hob sie aus dem Bettchen, nahm sie auf den Arm, sprach beruhigend auf sie ein und schob gleichzeitig einen Finger hinten in die Windel, um zu sehen, ob sie nass war. Sie war nass. Ich legte meine Tochter auf die Wickelkommode, und sie brüllte wieder, bis ich ihre Lieblingsrassel schüttelte und sie ihr in die Hand gab. Da wurde sie ruhig und ließ sich ohne viel Gestrampel von mir die Windel abnehmen.
»Ich mach das«, sagte Julia und trat ins Zimmer.
»Ist schon gut.«
»Ich hab sie aufgeweckt, also mach ich das auch.«
»Wirklich Schatz, es ist kein Problem.«
Julia legte eine Hand auf meine Schulter, küsste mir den Nacken. »Tut mir Leid, dass ich mich so idiotisch aufführe. Ich bin hundemüde. Ich weiß nicht, was mich vorhin geritten hat. Lass mich die Windel wechseln, ich krieg meine Kleine ja kaum zu sehen.«
»Okay«, sagte ich. Ich machte Platz, und sie trat an meine Stelle.
