
Julia saß am Tisch, trank Bier aus der Flasche und starrte ins Leere. »Wann suchst du dir endlich einen Job?«, fragte sie.
»Ich bemüh mich.«
»Wirklich? Davon merk ich aber nichts. Wann hattest du dein letztes Vorstellungsgespräch?«
»Vergangene Woche«, sagte ich.
Sie schnaubte. »Ich wünschte, du würdest dich etwas beeilen«, sagte sie, »mich treibt nämlich die Situation hier langsam in den Wahnsinn.«
Ich schluckte meine Wut hinunter. »Ich weiß. Es ist für uns alle schwer«, sagte ich. Es war schon spät, und ich hatte keine Lust mehr zu streiten. Aber ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln.
Mit ihren sechsunddreißig Jahren war Julia eine auffallend hübsche Frau, zierlich, mit dunklem Haar und dunklen Augen, Stupsnase und einem Naturell, das von vielen als temperamentvoll oder spritzig bezeichnet wurde. Ganz im Gegensatz zu vielen Managern in der Branche war sie attraktiv und umgänglich. Sie schloss leicht Freundschaften und hatte Humor. Vor Jahren, als Nicole noch ganz klein war, erzählte Julia manchmal, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, umwerfend komisch von den kleinen Schwächen ihrer Investoren. Wir saßen an genau diesem Küchentisch und lachten bis zum Umfallen, während die kleine Nicole sie am Arm zog und sagte: »Was ist so lustig, Mom? Was ist so lustig?« Sie wollte gern mitlachen. Natürlich konnten wir ihr nicht erklären, was so lustig war, aber Julia schien immer noch irgendwas Lustiges auf Lager zu haben, damit auch Nicole lachen konnte. Julia hatte eine echte Gabe, die humorvolle Seite des Lebens zu sehen. Sie war bekannt für ihre Ausgeglichenheit; sie verlor so gut wie nie die Beherrschung.
Jetzt war sie selbstverständlich wütend. Wollte mich nicht einmal anschauen. Sie saß im Dunkeln an dem runden Küchentisch, ein Bein über das andere geschlagen und ungeduldig damit wippend, während sie ins Nichts starrte. Als ich sie ansah, hatte ich das Gefühl, ihr Äußeres hätte sich irgendwie verändert. Natürlich hatte sie in letzter Zeit abgenommen, durch den Stress im Job. Eine gewisse Weichheit in ihrem Gesicht war verschwunden; die Wangenknochen traten stärker hervor, das Kinn wirkte spitzer. Sie sah dadurch härter aus, aber irgendwie noch schöner.
