»Aber wer mit der Fähre fahren will, muss dem Steuermann Tee mitbringen – Tea for the Tillerman. Kennst du das Lied?«

»Ich glaube schon.« Stephanie kam eine alte Schallplatte ihrer Mutter in den Sinn, oben auf dem Dachboden.

»Gut«, sagte Dave, »dann beantworte mir eine Frage: Hanratty wollte die Geschichten nicht, weil sie schon zigmal durchgekaut wurden. Warum?«


Sie dachte nach, die beiden Männer ließen ihr Zeit. Es machte ihnen Freude, der jungen Frau beim Grübeln zuzusehen.

»Also«, sagte Stephanie schließlich, »wahrscheinlich hören die Leute gerne Geschichten, bei denen man sich an einem Winterabend ein bisschen gruseln kann, besonders wenn die Lampen leuchten und der Kamin gemütlich knistert. Geschichten über das Unbekannte halt.«

»Wie viel Unbekanntes pro Geschichte, mein Mädchen?«, fragte Vince Teague. Seine Stimme war sanft, aber seine Augen durchbohrten Stephanie.

In Gedanken beim Kirchenpicknick wollte sie gerade sagen: höchstens sechs, doch dann besann sie sich eines Besseren. An jenem Tag waren am Ufer des Tashmore Lake tatsächlich sechs Menschen ums Leben gekommen, doch es war nur eine große Giftmenge gewesen, die, wie Stephanie annahm, vom Täter in den Eiskaffee gerührt worden war. Sie wusste nicht, wie viele Lichter an der Küste zu sehen gewesen waren, ging aber davon aus, dass man sie als Gesamtphänomen betrachtete.


»Eins?«, fragte sie zögernd. Sie kam sich vor wie ein Kandidat in der letzten Runde von Jeopardy. »Eine unbekannte Tatsache pro Geschichte?«

Vince richtete den Finger wie eine Pistole auf sie, grinste breiter denn je zuvor, und Stephanie atmete erleichtert auf. Sicher war dies kein richtiger Unterricht, und die beiden Männer würden sie genauso gern mögen, wenn sie eine Antwort verpatzte, dennoch wollte sie sie unbedingt zufrieden stellen. Das hatte sie sonst nur bei ihren allerbesten Lehrern an der High School und am College gewollt. Bei den leidenschaftlichen, mitreißenden Lehrern.



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