
Als sie in London aufs College gegangen war, hatte sich Toni tagsüber eher konservativ gekleidet, aber abends hatte sie sich in Miniröcke und Disco-Fummel geworfen und war durch die Kneipen gezogen. Sie hatte sich nächtelang im Electric Ball-room an der Camden High Street, im Subterania und in der Leopard Lounge herumgetrieben, wo die Szene aus dem West End verkehrte. Sie hatte eine wunderbare Stimme, rauchig und sinnlich, und in dem einen oder anderen Club setzte sie sich ans Klavier, spielte und sang, und die Gäste jubelten ihr zu. Dann fühlte sie sich in ihrem Element.
In den Clubs lief immer wieder die gleiche Masche ab:
»Weißt du, daß du eine phantastische Sängerin bist, Toni?«
»Danke.«
»Darf ich dir was zu trinken spendieren?«
Sie lächelte. »Ein Pimm’s wäre klasse.«
»Mit Vergnügen.«
Und es endete auch immer auf die gleiche Weise. Ihr Nebenmann beugte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: »Wollen wir zu mir nach Hause gehen und uns ein bißchen balgen?«
»Zisch ab.« Und darauf verzog Toni sich. Sie lag nachts im Bett, dachte darüber nach, wie blöde die Männer waren und wie verdammt leicht sie sich um den Finger wickeln ließen. Die armen Tröpfe wußten es wahrscheinlich nicht, aber sie wollten sich um den Finger wickeln lassen. Sie brauchten es regelrecht.
Und dann war sie von London nach Cupertino gezogen. Am Anfang war es grauenhaft gewesen. Toni haßte Cupertino, und die Arbeit bei Global Computer Graphics verabscheute sie von ganzem Herzen. Das ewige Gerede über Standardschnittstellen und Bildauflösung, Halbtonvorlagen und Basislayouts langweilte sie zu Tode. London fehlte ihr sehr, vor allem das aufregende Nachtleben. In der Gegend von Cupertino gab es nur ein paar Nachtlokale, und dort verkehrte Toni dann auch: im San Jose Live, im P. J. Mulligan’s oder im Hollywood Junction. Sie trug knapp sitzende Miniröcke, hautenge Tops und dazu Riemchensandaletten mit fünfzehn Zentimeter hohen Absätzen oder Plateauschuhe mit dicken Korksohlen. Und sie schminkte sich, was das Zeug hielt: üppiger, dunkler Eyeliner, falsche Wimpern, bunter Lidschatten und greller Lippenstift. Fast so, als wollte sie ihre wahre Schönheit verbergen.
