
Er sollte also einen Drachen töten, aber genau genommen hatte seit ewigen Zeiten niemand mehr ein solches Untier gesehen, weshalb Drachen eigentlich nur noch in Legenden vorkamen. Und Rupert empfand mittlerweile eine gewisse Ernüchterung in Bezug auf Legenden; sie verweilten endlos bei Ehre und Ruhm und ließen dafür die wichtigen Dinge weg, etwa wie man wen oder was immer tötete, ohne selbst getötet zu werden. Die Auskunft, dass man zu diesem Zweck
›reinen Herzens‹ sein musste, war keine große Hilfe, wenn man es mit einem Drachen zu tun hatte. Wetten, dass der meine Feuer speit?, dachte Rupert trübsinnig. Er arbeitete gerade mühsam an einer logischen Begründung, die es ihm ermöglichen würde, an den Hof zurückzukehren, fast ohne das Gesicht zu verlieren, als sich seine Blase nachdrücklich bemerkbar machte. Rupert lenkte das Einhorn mit einem Seufzer an den Wegrand. Wieder so ein Punkt, den die Barden nie erwähnten.
Er stieg rasch ab und ging daran, die komplizierten Klappen zu öffnen, die seine Lenden schützten. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig und pfiff laut vor sich hin, während er gegen einen Baumstamm pinkelte. Wenn er nicht bald eine andere Kost bekam, würde er der erste und einzige Held sein, der mit offenem Hosenstall in die Schlacht ritt…
Dieser Gedanke gab den Ausschlag, und sobald er sein Geschäft erledigt hatte, machte sich Rupert daran, seine Rüstung abzustreifen. Er hatte das verdammte Blech nur getragen, weil man ihm versichert hatte, dass es nach alter Tradition ein Muss für jeden war, der auszog, um Heldentaten zu vollbringen. Scheißtradition, dachte Rupert glücklich, und seine Laune besserte sich mit jedem verbeulten Teil, das in den Morast am Wegrand fiel.
