»Ich sitze jetzt seit drei Wochen im Sattel«, entgegnete Rupert ohne jedes Mitgefühl. »Mein Kreuz macht mir weniger zu schaffen als die Partie eine Etage tiefer.«

Das Einhorn bleckte höhnisch das Gebiss und hielt dann so jäh an, dass der Prinz um ein Haar kopfüber aus dem Sattel geflogen wäre. Rupert umklammerte das lange gedrehte Horn, um nicht die Balance zu verlieren.

»Was ist denn nun schon wieder los? Eine Pfütze auf dem Weg? Hast du vielleicht Angst, dir die Hufe schmutzig zu machen?«

»Ha, witzig!«, fauchte das Einhorn. »Warum steigst du nicht ab und gehst zu Fuß weiter? Allerdings versperrt da vorn ein gewaltiges Spinnennetz den Weg, falls dir das entgangen sein sollte.«

Ruperts Brust entrang sich ein tiefer Seufzer. »Und nun willst du vermutlich, dass ich mir die Geschichte aus der Nähe ansehe?«

»Wenn es dir nichts ausmachen würde…« Das Einhorn scharrte mit den Hufen, und einen Moment lang fühlte sich der Prinz seekrank. »Du weißt, wie mir vor Spinnen graust…«

Rupert fluchte ergeben und schwang sich unbeholfen aus dem Sattel. Die Rüstung knirschte bei jeder Bewegung. Der Prinz versank knapp zehn Zentimeter im matschigen Erdreich und hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Dann klappte er das widerspenstige Visier hoch und studierte voller Unbehagen das riesige Netz. Dicke, milchige Fäden spannten sich kreuz und quer über den engen Pfad, besetzt mit glitzernden Regentropfen-Ketten. Rupert zog die Stirn kraus. Welche Spinnen woben schon ein drei Meter hohes Netz? Er stapfte mühsam durch den Schlamm, zog sein Schwert und stieß damit zaghaft einen der Fäden an. Die Klinge klebte sofort fest, und er musste das Heft mit beiden Händen umfassen, um die Waffe loszureißen.

»Das fängt ja gut an«, murmelte das Einhorn.

Rupert überhörte den Kommentar und starrte das Fädengewirr nachdenklich an. Je genauer er es betrachtete, desto weniger Ähnlichkeit hatte es mit einem Spinnennetz. Das Muster stimmte nicht. Die Fäden bildeten Knoten und Klumpen, hingen in losen Fetzen von den oberen Ästen und fielen in dicken Strängen zu Boden, wo sie im Schlamm des Waldpfads versanken. Und dann spürte Rupert, wie sich ihm langsam die Nackenhaare aufstellten, als ihm zu Bewusstsein kam, dass das Netz unentwegt zitterte, obwohl völlige Windstille herrschte.



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